Kennen Sie die besten Ärzte der Welt?
Vor einer Weile stolperten meine Augen an einem Kiosk über eine Postkarte, die mich gedanklich nicht mehr losließ. Meine Gedanken kehrten immer wieder zu dieser Postkarte zurück: Ein Blick zum Meer mit seichten Wellen, sanfter, sich spiegelnder Nachmittagssonne und Strandgras, welches sich in einer imaginärer Brise wiegt – so ein Foto weckt Sehnsucht nach Urlaub am Meer, nach Möwengeschrei, Sand zwischen den Zehen und dem Geruch nach Salz und Seetang… Aber ehrlichgesagt war es nicht die (wohlgemerkt etwas kitschige) Fotografie, die meine Gedanken immer wieder anzog, sondern der Spruch der in Kalligrafie darauf stand:
Die besten Ärzte sind:
Sonne, Ruhe,
Meer, Natur, Musik,
Familie und Freunde
– eine Postkarte
Lange Zeit habe ich über diesen Spruch nachgedacht, habe mich gefragt, wie viel Wahres wohl darin zu finden ist. Es ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dass viele Beschwerden, die durch das moderne, technisierte Leben entstehen, sich mit diesen „Ärzten“ lindern, wenn nicht sogar behandeln lassen…
Gestern Nacht ließ ich meinen Tag Revue passieren, eine Eigenart, die sicher viele Menschen haben. Da lag ich nun, kurz vor dem Einschlafen, ließ noch einmal meine Gedanken los. Erinnerungsfetzen des Tages, die Höhen und Tiefen, die besonderen Momente und manchmal auch besondere Geschichten aus der Sprechstunde tauchten auf wie kleine Sternschnuppen. Und während ich dalag und den Sternschnuppen beim Verglühen zusah, dachte ich wieder an diese Postkarte und den Spruch darauf… Je mehr ich darüber nachdachte, desto unruhiger wurde ich, merkte beginnende Ablehnung und fragte mich, wieso zum Henker mich eine Postkarte so beschäftigte..? Nach einigen Momenten wurde mir der Grund plötzlich bewusst, wieso ich immer wieder zurückkehrte, und die Postkarte nicht das sein lassen konnte, was sie ganz offensichtlich war: Eine Postkarte mit Meerblick.
Die Antwort lautete: Ich stimmte der Aussage des Spruchs nicht zu. Für mich heißen die besten Ärzte anders:
Wertschätzung. Mitgefühl. Aufrichtigkeit.
Während der hausärztlichen Sprechstunde begegnen einem die verschiedensten Menschen mit Beschwerden, Symptomen, Sorgen oder Nöten. Und egal, was es ist, was der Grund dafür ist, dass sie die Hilfe eines Arztes suchen lässt, es benötigt nur diese „Ärzte“, die ihnen helfen: Wertschätzung, Mitgefühl und Aufrichtigkeit. Ohne Frage, das medizinische Wissen ist wichtig. Als Hausarzt ist es essenziell, die Fakten zu kennen, die Statistiken, die Studien, die Medikamente und die Pathogenese von Krankheiten. Ich bin Ärztin, Naturwissenschaftlerin und Detektivin mit einer Grundfaszination für Rätsel – aber ich bin auch mehr als das: Ich bin ein Mensch.
Wenn ich meine Sprechstunde in meinem Kopf durchgehe, dann stelle ich fest, dass es nicht das Ramipril ist, das den Hypertonikern hilft, das Citalopram hilft nicht den Depressiven und auch die Laborkontrolle hilft den erhöhten Leberwerten nicht – das, was die Weichen zur Salutogenese stellt, ist das ärztliche Gespräch. Heilsam wirkt der geschützte Raum, die Sicherheit so sein zu können, wie man ist und die Gedanken äußern zu können, die einem auf der Seele liegen. Heilsam wirkt das Gesehen-werden, angenommen werden und ernst genommen werden. Erst dann sind die Grundsteine gelegt, um eine Verbesserung zu erzielen.
Ich bin jedes Mal wieder erstaunt darüber, was diese „besten Ärzte“ bewirken – vollkommen ohne Studien, Daten oder faktisches Wissen. Was allein eine achtsame, respektvolle und authentische Arzt-Patienten-Beziehung ausmacht und in den Menschen bewegt.
Dabei stellt vor allem die Authentizität den schwersten Anteil dar. Sie setzt voraus, dass man sich während des Gespräches nicht nur dem Gegenüber, dem Gesagten und dem Ungesagten bewusst ist, sondern auch der eigenen Gefühle, der Gedanken und den eigenen Motiven.
Wer authentisch sein möchte, muss voll und ganz im Moment sein; voll und ganz beim Patienten (und bei sich selbst).
Es ist jeden Tag in der Sprechstunde ein Privileg, Zugang zu den innersten Anteilen der Patienten zu bekommen – manchmal gelingt mir der Zugang schneller, geht fast schon leicht von der Hand, andere Male hingegen fällt es mir sehr schwer, die richtigen Worte zu finden um die Patienten einzuladen, sich mir zu öffnen. Immer dann, wenn es mir schwerfällt, einen Zugang zu meinem Gegenüber zu finden, gerate ich ins Grübeln: Was hätte ich besser machen können? Wie könnte ich das nächste Mal das Gespräch gestalten, um eine Verbindung herzustellen?
Wenn mir Menschen ihre verborgenen Gedanken und Ängste anvertrauen, fühle ich mich geehrt, Anteil haben zu dürfen an ihrem Innersten. Ich bin dankbar für diese Ehrlichkeit und das Vertrauen, das mir entgegengebracht wird, denn oft werde ich durch die Gespräche und die Offenheit der Patienten Zeuge eines beeindruckenden Wandels, ein Wandel, der sich oftmals ganz von allein vollzieht. Das Einzige, was ich dazu beitragen muss, ist ein sicherer Raum, etwas Zeit und meine drei Freunde, die besten Ärzte und besten Wegbegleiter: Die Wertschätzung, das Mitgefühl und die Aufrichtigkeit.
Danke, liebe Postkarte!