Jedes Mal wenn ich an der Kasse darauf warte, dass meine Artikel durchgezogen werden, schaue ich unweigerlich auf die zugegebenermaßen sehr verstörenden Bilder von rauchenden Kindern, Lungen auf Seziertischen oder Krebsgeschwüren und frage mich, welchen Effekt das wohl auf Raucher hat.

Vieles in unserer tagtäglichen Kommunikation (Kindererziehung eingeschlossen) funktioniert über Warnungen:

„Achtung, Bahnübergang“

„Geh nicht ohne zu gucken über die Straße, sonst kommt ein Auto und verletzt dich!“

„Wenn du noch mehr Süßes isst, dann wirst du fett!“

„Fass nicht auf den Herd, du verbrennst dich!“

Falls Sie sich jemals gefragt haben, warum Kinder dennoch auf den Herd fassen und warum die Warnungen auf den Zigarettenpackungen scheinbar niemanden vom Rauchen abhalten, dann ist dieser Text für Sie.

Schaut man auf die Forschung, dann ist die Vorstellung, dass Drohungen eine gute Motivationsgrundlage bilden, spannenderweise wissenschaftlich widerlegt – und hält sich dennoch hartnäckig. Für Raucher und die besagten Bilder gilt, dass bislang kein nennenswerter Effekt nachzuweisen war [1]. Im Gegenteil: Eine niederländische Studie fand heraus, dass Raucher sogar weniger motiviert waren, den Tabakkonsum einzustellen [2]. Noch einmal zum Verständnis: Raucher hören statistisch gesehen seltener mit dem Rauchen auf, wenn sie solche Bilder ansehen.
Das erscheint widersinnig:

Müsste Angst nicht ein guter Motivator sein?

Tali Sharot vom Affective Brain Lab forscht zum Thema Motivation und Motivationsbildung und hielt 2014 einen Vortrag zu genau dieser Frage. (Nachzusehen unter: http://www.tedxcambridge.com/talk/how-to-motivate-yourself-to-change-your-behavior/)
Die israelisch-britisch-amerikanische Wissenschaftlerin kam zu einem Ergebnis, das die Angst vor möglicherweise in der Zukunft auftretenden Ereignissen („Wenn du rauchst bekommst zu Lungenkrebs!“) eher dazu führt, dass kognitiv rationalisiert wird („Aber Helmut Schmidt hat auch geraucht und der wurde 96 Jahre alt!“). Wir flüchten vor der Furcht [3]. Wieso auch nicht? Schließlich ist die Zukunft weder nah noch ist sie gewiss.
Interessanterweise ändert sich die Herangehensweise in dem Moment, wo die Warnungen, Drohungen und Angstszenarien von der fernen Zukunft in die Realität rücken. Wenn der Krebs plötzlich da ist, die Hand durch die Verbrennung schmerzt oder man nur knapp dem schweren Autounfall entging.

Was bedeutet das für mich und meine tägliche Arbeit?
Mediziner sprechen von Primärprävention – wir wollen das Auftreten von Erkrankungen und Symptomen verhindern und sie nicht erst dann therapieren, wenn sie bereits die Lebensqualität einschränken. Für eine gute Primärprävention braucht es viel Motivation. Denn in dem Moment, wo das „Vorbeugen“ beginnt, ist die Lebensqualität meist noch ausgesprochen gut. Passende Beispiele sind hier die „stummen Feinde“: Bluthochdruck und Diabetes, die man zwar selten merkt, die aber einen großen Einfluss auf die Entstehung von kardiovaskulären Erkrankungen haben, von Schlaganfall, Herzinfarkt und Tod.
Wenn ich jedoch mit Schreckensnachrichten, drohenden diabetischen Füßen, Lungenkrebs oder Schlaganfällen schlecht motivieren kann wirklich etwas am eigenen Lebensstil zu ändern, wirft das die Frage auf: Was motiviert uns dann?
Hier spricht Tali Sharot von drei großen Treibern der Motivation:

Soziale Anreize

Wir sind soziale Wesen. Ein ganzer Gehirnabschnitt, die Amygdala, kümmert sich um soziale Interaktionen und emotionaler Verarbeitung [4] und es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass wir uns von der Meinung und Erwartung anderer Menschen beeinflussen lassen [5]: Bei Amazon lesen wir die Rezensionen bevor wir etwas kaufen und vor dem Spiegel fragen wir uns, was wohl das Date heute Abend von der neuen Frisur halten wird. Selbst, wenn Sie jetzt meinen, dass das ja sicher für alle anderen zutrifft, aber nicht für Sie, dann fragen Sie sich, ob nicht allein die Haltung dagegen nicht ein Hinweis dafür sein könnte.
Weil wir vom sozialen Austausch profitieren, von Gemeinsamkeiten und persönlichen Kontakten sind Selbsthilfegruppen so hilfreich: Bekanntermaßen ist geteiltes Leid halbes Leid und andersherum gilt geteilte Freude ist doppelte Freude.

Direkte Belohnung

Die unmittelbare Belohnung für ein Verhalten ist ein sehr starker Motivator: Positive Ereignisse führen zur Aktivierung des körpereigenen Belohnungssystems im Gehirn – und der neurochemische Cocktail aus Dopamin [6] [7] und Serotonin [8] sorgt dafür, dass wir uns dieses Erleben immer und immer wieder wünschen. Auf neurobiochemischer Ebene gilt dies vor allem für psychotrope Substanzen, also für Genussmittel mit Veränderung der Stimmungslage. Der Kaffee am morgen, das Stück Schokolade bei Stress und auch die Zigarette danach.
Das Belohnungssystem im Gehirn ist über die Maßen ausgefeilt und – in gewissem Sinne – hochgradig manipulativ. Nutzen wir diese Effekte für unsere eigenen Zwecke! Belohnen Sie sich, ein gesundheitsförderndes Verhalten (z.B. Entspannungsübungen nach der Arbeit, das Weglassen von Nikotin oder Alkohol, die gesunde Ernährung,…) begonnen zu haben. Ja, Sie lesen richtig. Das Beginnen wird belohnt. Nicht das Ziel. Oder Sie belohnen sich für kleine Schritte: Für jeden Tag gesundheitsföderlichen Verhaltens kleben Sie ein Smiley in ein Sammelheft. Für die ersten 2 Kilogramm weniger auf der Waage gönnen Sie sich eine Wellnessmassage, bei 5 kg Gewichtsreduktion kaufen Sie sich die neuen Schuhe, die Sie so schick finden und bei 20 kg fahren Sie in den Urlaub. Es ist erlaubt, was gefällt. Seien Sie ruhig kreativ – schließlich kennen Sie Ihre eigenen Anreize am besten.

Konzentration auf den Fortschritt (und nicht den Rückschritt)

In einer Welt, wo wir uns maßgeblich auf die negativen Dinge konzentrieren, auf Nachrichten von Kriegen, Hungersnöten, Pandemien und Promi-Scheidungen seien Sie rebellisch: Schauen Sie auf das Gute. Bemerken Sie die kleinen Veränderungen. Loben Sie sich für die Schritte, die Sie schon geschafft haben. Jeder Schritt vorwärts ist ein Schritt in die richtige Richtung, egal wie klein er gewesen sein mag.
Natürlich gehören Rückschläge und Rückschritte dazu – aber fokussieren wir uns auf den Weg, der bereits bewältigt wurde – auch das führt zur Aktivierung des Belohnungssystems.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Angst (beispielsweise vor Krankheit oder Geldverlust) motiviert im Allgemeinen recht wenig – und im Speziellen nur, wenn die Angst fassbar und real wird -, während Belohnungen (unter anderem sozial, monetär, verbal) eine sehr starke Motivation bilden.

Für mich bedeutet das, in meinem Arzt-Patienten-Gespräch noch deutlich mehr mit dem Fokus auf das Gute zu legen, die positive Entwicklung zu betonen und die Vorteile einer Lebensstiländerung oder konsequenten Medikamenteneinnahme hervorzuheben.
Denn es geht um zukünftige Gesundheit und dem Erhalt der aktuellen Lebensqualität – ein unbezahlbares Gut.


[1] Mannocci A, Antici D, Boccia A, La Torre G. Impact of cigarette packages warning labels in relation to tobacco-smoking dependence and motivation to quit. Epidemiol Prev. 2012 Mar-Apr;36(2):100-7. Italian. PMID: 22706360.

[2] Robert A. C. Ruiter, PhD, Gerjo Kok, PhD, Saying is not (always) doing: cigarette warning labels are useless, European Journal of Public Health, Volume 15, Issue 3, June 2005, Page 329, https://doi.org/10.1093/eurpub/cki095

[3] Ruiter, R.A.C., Kessels, L.T.E., Peters, G.-J.Y. and Kok, G. (2014), Sixty years of fear appeal research: Current state of the evidence. Int J Psychol, 49: 63-70. https://doi.org/10.1002/ijop.12042

[4] Tsoory MM, Vouimba RM, Akirav I, Kavushansky A, Avital A, Richter-Levin G. Amygdala modulation of memory-related processes in the hippocampus: potential relevance to PTSD. Prog Brain Res. 2008;167:35-51. doi: 10.1016/S0079-6123(07)67003-4. PMID: 18037005.

[5] Edelson, M., Sharot, T., Dolan, R. J., & Dudai, Y. (2011). Following the crowd: brain substrates of long-term memory conformity. Science (New York, N.Y.)333(6038), 108–111. https://doi.org/10.1126/science.1203557

[6] Baik JH. Dopamine signaling in reward-related behaviors. Front Neural Circuits. 2013 Oct 11;7:152. doi: 10.3389/fncir.2013.00152. PMID: 24130517; PMCID: PMC3795306.

[7] Salamone JD, Correa M, Mingote S, Weber SM. Nucleus accumbens dopamine and the regulation of effort in food-seeking behavior: implications for studies of natural motivation, psychiatry, and drug abuse. J Pharmacol Exp Ther. 2003 Apr;305(1):1-8. doi: 10.1124/jpet.102.035063. PMID: 12649346.

[8] Yagishita S. Transient and sustained effects of dopamine and serotonin signaling in motivation-related behavior. Psychiatry Clin Neurosci. 2020 Feb;74(2):91-98. doi: 10.1111/pcn.12942. Epub 2019 Oct 23. PMID: 31599012.

Ein Gedanke zu “Warum wir Warnungen oft in den Wind schlagen – und von der Kunst der Motivation

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