Es gibt Geschichten, die liest man nicht gerne. Und es gibt Geschichten, die schreibt man nicht gerne.
Dies ist eine dieser Geschichten.
Meinen ersten erschütternden Kontakt zum Thema „Tod“ hatte ich im Rahmen meines Pflegepraktikums auf der Urologie/Gynäkologie, einer Station, wo sowohl gynäkologische Patientinnen auf der einen Stationshälfte, als auch urologischen Patient:innen auf der anderen Hälfte lagen.
Zwar hatte ich auch vorher schon Todesfälle, zumeist innerhalb der Familie, miterlebt, aber diese Momente waren sehr behütet verlaufen.
Dieses Mal war es anders: Zum ersten Mal erlebte ich die Wucht und die Kraft, die Trauer und die Unausweichlichkeit des Todes – und zum ersten Mal konnte ich die Ungerechtigkeit des Lebens spüren. Damals war ich 20 Jahre alt.
Mein Pflegepraktikum begann im November, als die Tage schon spürbar kürzer wurden. Morgens um halb sechs knisterte der Raureif unter meinen Füßen. Außer mir war kaum jemand unterwegs, die Nacht hielt alles umfangen. Vielleicht ist es die dunkle Jahreszeit, die mich wieder an Mira Gorin denken lässt.
Mira Gorin[1] war eine zarte junge Frau von der Statur einer Ballerina mit dunklem Haar und faszinierend blauen Augen. Kaum älter als ich, wurde sie stationär aufgenommen zur Konisation, einer Operation bei pathologischem Pap-Abstrich[2]. Ihr Gynäkologe hatte atypische Zellen im Rahmen der gynäkologischen Vorsorge festgestellt und nun sollte ein Teil des Gebärmutterhalses entfernt werden um zu klären, wie umfassend diese Veränderung war.
Meine Aufgabe im Pflegepraktikum beinhaltete die Versorgung der Patienten: Betten machen, Patienten waschen oder bei der Hygiene anleiten, Essen austeilen und im Zweifelsfall auch Patienten füttern.
Da Frau Gorin diesbezüglich keine Unterstützung benötigte, hatten wir wenig Kontakt. Das Wenige was wir an Zeit hatten unterhielten wir uns über ihr Studium, die Philosophie. Brotlos, aber ihr Herzenswunsch. Sie lachte viel, trotz allem.
Ihr Partner kam oft zu Besuch, saß stundenlang bei ihr am Bett oder ging mit ihr spazieren.
Sie wurde zügig nach dem Eingriff entlassen, das Ergebnis sollte ihrem behandelnden Gynäkologen mitgeteilt werden. Umso überraschter war ich, als ihr Name einige Tage später wieder auf der Stationsliste auftauchte. Insgeheim war ich wohl davon ausgegangen, dass eine so junge Frau nicht schnell wieder käme… Aber das Leben hatte anderes im Sinn: Cervixkarzinom, las ich hinter ihrem Namen, und mir wurde schlecht.
Danach ging es schnell. Es wurden Untersuchungen gemacht, deren Namen mir damals nichts sagten, und dann beschlossen, ihr die Gebärmutter zu entfernen. Nicht einmal zwei Tage später lag Mira Gorin in ihrem Stationsbett, über dem Unterbauch eine breite Wunde.
Als ich mein Pflegepraktikum beendete, lag sie noch frisch operiert in ihrem Bett, kraftlos und matt.
Ich entschloss mich dazu, noch einen weiteren Monat auf der Urologie/Gynäkologie ein Pflegepraktikum abzuleisten. Das Team war nett und ich hatte Spaß an der Arbeit, die Entscheidung war mir leichtgefallen. Und so kehrte ich im Januar auf Station zurück.
An den Moment, als ich Frau Gorins Namen in der Frühbesprechung hörte, erinnere ich mich noch glasklar:
Sechs Uhr, die Wanduhr tickt. Der dunkle Besprechungsraum ist in das gelbe indirekte Licht der Küchenzeile getaucht. Auf dem Tisch brennen verbotenerweise noch Weihnachtskerzen. Schwester Svenja las mit monotoner Stimme die Übergabe vom Stationsblatt: „Frau Fichte, 64 Jahre, Zustand nach TVT. Heute noch Abschlusssonografie geplant, dann Entlassung. Im Zimmer daneben wieder neu aufgenommen Frau Gorin, 24 Jahre, stationäre Aufnahme bei metastasiertem Cervixkarzinom. vesikovaginale und rektovaginale Fistelbildung. Heute geplant im Onko-Board.“
Es war, als würden alle anderen Geräusche im Frühbesprechungsraum plötzlich verstummen: das Blubbern der Kaffeemaschine, das Röhren der Heizung und auch das Ticken der Wanduhr. Ich konnte mit den Begriffen nichts anfangen, aber ich merkte, dass irgendetwas ganz Schreckliches dahinterstehen musste.
An den Rest der Frühbesprechung erinnere ich mich nicht mehr, die Bilder und Eindrücke verschwimmen, aber an das Gefühl, wie in Watte gepackt zu sein, erinnere ich mich gut.
Später an dem Tag fragte ich eine andere Stationsschwester, was all diese Worte bedeuteten und wünschte mir hinterher, nicht gefragt zu haben: Frau Gorin hatte zu Hause bemerkt, dass plötzlich Stuhlgang und Urin aus der Scheide kamen und ging zu ihrem Gynäkologen. Dieser stellte fest, dass der Krebs bereits in Harnblase und Enddarm metastasiert[3] und sich durch die Organwände gefressen hatte…
Im Onko-Board[4] sollte besprochen werden, welche Therapieoptionen es für sie gab.
Frau Gorin lag allein in einem großen Vier-Bett-Zimmer. Ihr Bett, ganz vorne an der Tür, die restlichen Betten mit durchsichtiger Folie abgedeckt. Vermutlich wollte man ihr Ruhe gönnen, aber der Anblick von leeren, abgedeckten Betten hatte etwas zutiefst Trauriges an sich und verströmte Einsamkeit und Isolation. Sie war mager, die Haut aschfahl und glanzlos, das dunkle Haar spröde und fettig. Ihre knochigen Unterarme waren übersät von Hämatomen durch die vielen Flexülen[5], die ihr gelegt werden mussten.
Ich brachte ihr das Essen ins Zimmer, stellte es vorsichtig auf den Beistelltisch. Mattes Tageslicht fiel durch die zugezogenen Vorhänge und füllte den Raum mit Dämmerung. Mira Gorin saß auf dem Bett und schluchzte so schwer, dass es ihren dünnen Körper schüttelte. Sie weinte, und weinte, und weinte und schien mich kaum zu bemerken.
Mich überkam ein Gefühl von absoluter Hilflosigkeit. Wie gern hätte ich Worte gehabt, die ihr Leid etwas mildern – aber ich bekam nur ein: „Kann ich etwas für Sie tun?“ über die Lippen und bereute es bereits Sekunden später.
Ihre Antwort war, wie ich sie unbewusst erwartet hatte. „Was wollen Sie denn tun..?! Mir kann man nicht helfen!“
„Wenn Sie reden möchten…?“
„Ich will nicht reden. Ich will allein sein. Und ich will nach Hause..!“, sagte sie. Der Blick, der mich aus tiefgelegenen und dunkelumrahmten Augen traf, war unmissverständlich. Ich konnte nichts tun und ich sollte nichts tun.
Also ging ich und schloss leise die Tür hinter mir.
Ein paar Tage danach wurde Frau Gorin entlassen, nur um zwei Wochen später erneut auf unserer Station zu liegen. Zwar brachte ich ihr die Mahlzeiten, aber ein dunkel-kriechender Schatten der Ablehnung umhüllte sie. Diese düstere Aura hielt mich auf Abstand. Ich wusste nicht, wohin mit mir und wusste nicht, wie ich ihr gegenübertreten sollte.
Von einem Krankenpfleger erfuhr ich, dass Mira Gorin nur gegangen war, um sich den letzten Wunsch zu erfüllen: Ihren Freund zu heiraten.
Er war stets bei ihr. Nach wie vor bewundere ich, dass er dieses Leid so still und kraftvoll ertragen hat. Wer weiß, wie es in ihm drin aussah..?
Jeder Tag, der verging, nagte an dieser dünnen Frau. Man konnte dem Verfall förmlich zusehen: Die Augen sanken in die Augenhöhlen zurück, die Haare fielen ihr aus und sie nahm immer weiter ab, eine Statur von Haut und Knochen. Die Kraft verließ sie, ihr Ehemann stützte sie bei jedem Schritt.
Mein Praktikum endete, ohne dass ich erfuhr, wie es weiterging. Acht Wochen im Leben von Mira Gorin. Nicht viel – aber genug, um sich nachdrücklich in meiner Erinnerung zu verankern.
Ich muss oft an diese Geschichte denken, an meine eigene Unsicherheit, meine Wut auf das Leben und die Angst, dass es mich auch mal so treffen könnte wie sie.
Mit der Zeit, mit dem Studium und der ärztlichen Arbeit, sammelt man einige solcher Geschichten. Wie ein düsteres Potpourri der Ungerechtigkeiten.
Ob man sich daran gewöhnt? Nein. Zumindest gewöhne ich mich nicht daran.
Einiges habe ich jedoch mit der Zeit gelernt: Man kann das Leid nicht abnehmen. Worte helfen nur bedingt. Mitzuleiden lindert nicht die Last des anderen.
Was hilft ist: da sein. Die Emotionen aushalten. Und es aushalten, dass es manchmal keine Antwort auf das „Warum?“ gibt.
[1] Ich kenne keine Mira Gorin. Jede Ähnlichkeit zu lebenden oder verstorbenen Personen ist rein zufällig und von mir nicht beabsichtigt. Jedoch gibt es Fälle wie ihren leider deutlich häufiger, als man sich wünschen würde…
[2] Auch: Papanicolaou-Test, nach seinem Entwickler, dem griechischen Arzt George Papanicolaou. Es handelt sich um einen gynäkologischen Vorsorge-Abstrich, bei dem Zellen des Gebärmutterhalses entnommen werden, um sie auf Veränderungen zu untersuchen. Ein pathologischer Abstrich ist gleichbedeutend mit Zellveränderungen. Je nach Schweregrad (Pap 0 =unauffällig bis Pap V für Krebserkrankungen) werden weitere Untersuchungen oder Tests veranlasst.
[3] Der Krebs ist in andere Organe gewandert und hat dort Metastasen gebildet.
[4] Das Onko-Board ist eine interdisziplinäre Fallbesprechung. Onkologen, Radiologen, Chirurgen, und manchmal auch weitere Fachärzte, besprechen gemeinsam das weitere Vorgehen und therapeutische Optionen.
[5] Venöse Zugänge, über die Medikamente gegeben werden können.
Ein Gedanke zu “Mira Gorin – Eine Geschichte vom Sterben”