Dieser Artikel ist zwei wunderbaren Frauen gewidmet: Catharina und Frau Bauer.

Ein guter Gesang wischt den Staub vom Herzen.

Christoph Lehmann (Schriftsteller, 1568 – 1638)

Singen tut gut. Das kann ich bestätigen.
In fast zehn Jahren Unterricht im klassischen Operngesang durfte ich die Höhen und Tiefen der Musik durchleben, durfte klagen, leiden, jubeln, umwerben und schwelgen. In der Musik, den Tönen, den Texten, der Geschichte aufgehen und mich selbst finden.
Musik kann entführen, verzaubern, mitreißen und auch traurig stimmen, nachdenklich für die Welt.
Dur und Moll – Die Freude und die Trauer. Es scheint etwas darin zu wohnen, was tief in uns Menschen verwurzelt ist.
Letztens, bei Chopin, kam mein kleiner Sohn in das Wohnzimmer und fragte: „Mama, warum ist die Musik so traurig?“. Mit seinen vier Jahren konnte er die Grundstimmung der Musik bereits in Worte fassen.

Musik und Medizin

Musik berührt etwas in uns Menschen – und beeinflusst uns auch nachweisbar.
Vielleicht kennen Sie die berühmte Aussage, dass Mozarts Musik die Intelligenz ungeborener Kinder erhöhen soll?
Ähnliches versuchte man mit Studenten im Grundlagenstudium und stellte fest, dass der IQ um bis zu 8 Punkte stieg, nachdem die Studenten 10 Minuten Mozart gehört hatten[1]. Schlauer durch Mozart? Leider nein, denn diese Ergebnisse ließen sich nie wirklich replizieren[2].
Man vermutet, dass Musik auch unseren Köper und unser Gehirn positiv beeinflusst: So gibt es Studien zum Thema Stress- und Angstreduktion nach Herzinfarkten[3], Reduktion von Schmerzen bei Krebspatienten[4] , Linderung von Depressionen[5] und eine Steigerung der körpereigenen Abwehr[6][7]. In fMRT-Studien (Studien, die in Untersuchungen die Aktivität bestimmter Gehirnareale sichtbar machen können) ließ sich zeigen, dass Musik unsere Gehirnaktivität in den Bereichen, wo Emotionen verarbeitet werden, steigert[8]. Somit ist Musik eng mit Gefühlen verbunden.
Zudem macht Musik glücklich (denn sie schüttet endogenes Dopamin im Gehirn aus[9]). Sofern Sie jedoch weder Mozart im Speziellen noch klassische Musik im Allgemeinen mögen, dann habe ich eine gute Nachricht: Die meisten Studien beziehen sich auf „pleasant music“, also Musik, die gefällt. Die meisten Menschen haben Lieblingsmusik und können darin auch vollkommen aufgehen. Ob nun Klassik oder Hardrock, Death Metal oder Pop – erlaubt ist, was gefällt.

Singen und die Seele

Doch nicht nur das Hören von Musik tut uns gut, sondern auch das Singen.
Singen verbessert unsere Atmung[10]. Im Alltag atmen wir meist flach und in den Brustkorb. Um zu Singen, muss jedoch gleich zu Beginn tief in den Bauch eingeatmet werden. Im Anschluss wird lange und forciert ausgeatmet, um die Töne zu halten und eine Melodie zu singen. Dies erinnert stark an Atemübungen, die seit jeher der Entspannung dienen (Vgl. 4-7-11-Atmung[11]).

Die Konzentration wandert zum Musikstück, den Tonhöhen, der Melodie und dem Text. Da bleibt wenig gedanklicher Platz für Anderes: für Sorgen oder Nöte. Singen reduziert sowohl depressive Symptome als auch Ängste[12], und durch Ausschüttung von Endorphinen und Oxytocin werden wir glücklicher und zufriedener[10].


Wenn also das nächste Mal Ihr Lieblingslied im Radio läuft: Drehen Sie laut auf und singen Sie mit!
Damit tun Sie Ihrem Geist, Ihrer Seele und Ihrem Körper etwas Gutes.



[1] Rauscher, F. H., Shaw, G. L., & Ky, K. N. (1995). Listening to Mozart enhances spatial-temporal reasoning: towards a neurophysiological basis. Neuroscience letters185(1), 44–47. https://doi.org/10.1016/0304-3940(94)11221-4

[2] McKelvie, P. and Low, J. (2002), Listening to Mozart does not improve children’s spatial ability: Final curtains for the Mozart effect. British Journal of Developmental Psychology, 20: 241-258. https://doi.org/10.1348/026151002166433

[3] Bradt, J., & Dileo, C. (2009). Music for stress and anxiety reduction in coronary heart disease patients. The Cochrane database of systematic reviews, (2), CD006577. https://doi.org/10.1002/14651858.CD006577.pub2

[4] Evans D. (2002). The effectiveness of music as an intervention for hospital patients: a systematic review. Journal of advanced nursing37(1), 8–18. https://doi.org/10.1046/j.1365-2648.2002.02052.x

[5] Erkkilä, J., Punkanen, M., Fachner, J., Ala-Ruona, E., Pöntiö, I., Tervaniemi, M., Vanhala, M., & Gold, C. (2011). Individual music therapy for depression: randomised controlled trial. The British journal of psychiatry : the journal of mental science199(2), 132–139. https://doi.org/10.1192/bjp.bp.110.085431

[6] Pauwels, E. K., Volterrani, D., Mariani, G., & Kostkiewics, M. (2014). Mozart, music and medicine. Medical principles and practice : international journal of the Kuwait University, Health Science Centre23(5), 403–412. https://doi.org/10.1159/000364873

[7] Segerstrom, S. C., & Miller, G. E. (2004). Psychological stress and the human immune system: a meta-analytic study of 30 years of inquiry. Psychological bulletin130(4), 601–630. https://doi.org/10.1037/0033-2909.130.4.601

[8] Koelsch S. (2010). Towards a neural basis of music-evoked emotions. Trends in cognitive sciences14(3), 131–137. https://doi.org/10.1016/j.tics.2010.01.002

[9] Salimpoor, V. N., Benovoy, M., Larcher, K., Dagher, A., & Zatorre, R. J. (2011). Anatomically distinct dopamine release during anticipation and experience of peak emotion to music. Nature neuroscience14(2), 257–262. https://doi.org/10.1038/nn.2726

[10] Kang, J., Scholp, A., & Jiang, J. J. (2018). A Review of the Physiological Effects and Mechanisms of Singing. Journal of voice : official journal of the Voice Foundation32(4), 390–395. https://doi.org/10.1016/j.jvoice.2017.07.008

[11] Loew, Thomas & Leinberger, Beate & Hinterberger, Thilo. (2017). Entschleunigtes Atmen: Der kleinste gemeinsame Nenner der Entspannungstechniken. PiD – Psychotherapie im Dialog. 18. 63-67. 10.1055/s-0043-118257.

[12] Coulton, S., Clift, S., Skingley, A., & Rodriguez, J. (2015). Effectiveness and cost-effectiveness of community singing on mental health-related quality of life of older people: randomised controlled trial. The British journal of psychiatry : the journal of mental science207(3), 250–255. https://doi.org/10.1192/bjp.bp.113.129908

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