Immer etwas exzentrisch, affektiert und fordernd – Annabelle „Bella“ Grimnitz [1] ist keine Märchenprinzessin. Eines muss man ihr jedoch lassen: Sie ist eine Erscheinung.
Perfektes Permanent-Make-Up, das rote Haar in ordentliche Wellen gelegt, die Garderobe von der Handtasche, über die manikürten Fingernägel bis zu den farblich passenden Ohrringen aufeinander abgestimmt. Sie beherrscht die seltene Kunst, einen Raum vollkommen für sich einzunehmen und Missfallen nur mit dem leichten Anheben einer Augenbraue auszudrücken.
Ehrlichgesagt erinnert mich Frau Grimnitz immer an Arielles frostige Zwillingsschwester – allerdings ohne die Natürlichkeit und jugendliche Leichtigkeit der Zeichentrickfigur.

Sobald ich ihren Namen in meiner Sprechstundenliste lese, baut sich eine Mischung aus Abneigung, Faszination und Trotz in mir auf. Diese starke Gegenübertragung überrascht mich immer wieder – vermutlich sind diese Gefühle Ausdruck einer tiefen Angst in mir. Der Angst, nicht zu genügen, nicht gut genug zu sein…
Der Umgang mit Frau Grimnitz setzt meist viel Fingerspitzengefühl und Diplomatie voraus, aber manchmal auch eine feste Meinung, die vertreten werden muss. Insbesondere was unnötige und kostenintensive bildgebende Untersuchungen betrifft, oder ihre Vorstellung davon, was ambulante Medizin alles leisten muss („Nein, Frau Grimnitz, der eingewachsene Zehennagel Ihres Sohnes ist kein Grund für einen Hausbesuch…. Ja, mir ist bewusst, dass er nicht auftreten kann…. Ja, dass es schmerzt glaube ich gerne…In Ordnung, wenn Sie lieber einen Chirurgen zu Rate ziehen wollen…. Nein, ich glaube nicht, dass der Kollege zu ihnen fährt…“).

Ihre beiden Söhne sind ihr Ein und Alles. Die beiden pubertierenden jungen Männer sind der Inbegriff von verzogenen Gören, schauen im Gespräch kaum auf und sind nicht in der Lage für sich allein zu sprechen – das übernimmt ihre Mutter, Frau Grimnitz, für sie. Wenn die beiden Herren antworten, dann in pampigen Ein-Wort-Sätzen während sie in ihr Handy tippen. Mit dieser Attitüde kann ich sehr schlecht umgehen, sodass ich oft versuche, meine emotionale Abneigung in professionellem Abstand zu ertränken. Je kürzer und klarer meine Entscheidungen werden, desto mehr habe ich jedoch den Eindruck, dass die Familie Grimnitz zu mir in die Sprechstunde kommt – ein Teufelskreis!
Denn eigentlich treffe ich lieber Entscheidungen gemeinsam mit meinen Patienten und nicht über ihren Kopf hinweg…

Glücklicherweise ist die Familie Grimnitz mit einer kräftigen Gesundheit gesegnet und ich komme relativ selten in den Genuss eines Kontaktes.

Insbesondere deshalb, weil wir uns nicht oft sehen und zwischen uns immer eine hohe Mauer von unüberwindbaren Differenzen und ungesagten Wörtern steht, war ich enorm überrascht von dem, was letzte Woche passierte.
Aber von Anfang an.

Es ist Dienstagabend, kurz vor Sprechstundenende. Draußen tobt ein Schneesturm. Schwere weiße Flocken pochen dumpf gegen das Fensterglas und ziehen in wilden Mustern durch die hereinbrechende Dämmerung. Alles wird leiser, gedämpft und ich merke, dass sich in mir Ruhe ausbreitet. Ich liebe dieses Wetter.

Meine innere Ruhe wird jäh zerpflückt, als Frau Grimnitz erscheint.
Dass irgendetwas passiert sein muss, erkenne ich daran, dass sie nicht wie gewohnt das Ablegen des Mantels zelebriert und noch kurz ihre Haare (natürlich in perfekter Steckfrisur) richtet, sondern sich gleich auf den Stuhl mir gegenüber fallen lässt und dabei ein Stück Papier auf den Tisch knallt.
Ohne abzuwarten beginnt sie das Gespräch: „Justin-Jason hat ein Alkoholproblem, wussten Sie das?!“ Ihre Augen funkeln mich wütend an. Fast habe ich den Eindruck, ich werde gleich mit Hausarrest auf mein Zimmer geschickt… Ich bin perplex.
Aber bevor ich meinen Gedankengang beenden und fragen kann, ob ihre Frage rhetorisch gemeint ist, fährt sie fort. „Er wurde vorgestern betrunken von der Polizei im Stadtpark aufgelesen. Randalierend! Und betrunken!“ Sie echauffiert sich weiter und zählt die Unmöglichkeiten auf, die ihr 16-jähriger Sohn sich geleistet hat. Ihre Hände untermalen dramatisch gestikulierend ihre Worte.
Ich nutze den Moment und überfliege den Entlassungsbericht der Rettungsstelle. 2,1 Promille und noch in der Lage zu stehen und zu laufen (sportlich, sportlich!), Platzwunde an der Schläfe, Anzeige wegen Sachbeschädigung und Beleidigung der eingesetzten Einsatzkräfte. Entlassung gegen ärztlichen Rat (mein Lieblingssatz in Rettungsstellenbriefen).


„War es das erste Mal, dass Ihr Sohn in dieser Form auffiel?“, frage ich, um erst einmal die Fakten zu klären.
„Na was glauben Sie denn?!“, keift die frostige Arielle. Eine emotionale Nicht-Antwort auf eine sachliche Frage. Darauf lasse ich mich nicht ein – dieses Spiel kenne ich bereits.
„Was ich glaube spielt keine Rolle. Viel wichtiger ist: Was glauben – oder wissen – Sie?“
„Bei 2,1 Promille muss er doch häufiger trinken! Wer ist denn hier der Arzt, Sie oder ich?“ Die berühmte Augenbraue zuckt nach oben und ich merke, wie meine innere Abwehr anspringt, um die Mauer zwischen uns möglichst solide aufrecht zu halten.
Wie gestalte ich dieses Gespräch, bevor es gegen die Wand fährt..? Oder ist es schon an die Wand gefahren..?
Ihr letzter Satz schwebt noch im Raum, verliert aber mit jeder Sekunde seine scharfen Kanten und verpufft letztlich im Nichts. Manchmal eröffnet eine Gesprächspause die Möglichkeit, um kurz den Dampf abzulassen und neu Luft zu holen. So auch dieses Mal.
Frau Grimnitz hat scheinbar ihre Fassung wiedergewonnen, denn sie streicht eine verwirrte Strähne roten Haares aus der Stirn.
Ich lasse ihre Provokation unkommentiert und komme zum Punkt: „Was kann ich heute für Sie tun, Frau Grimnitz?“.
„Justin-Jason braucht etwas gegen Kopfschmerzen. Und ich möchte gerne eine Einweisung zum Alkoholentzug für ihn.“ Sie kommt ohne Umschweife zum Punkt. Eines der Dinge, die ich widerwillig bewundernswert an ihr finde.
„Gegen Kopfschmerzen empfehle ich Paracetamol, 500 mg. Können sie in der Apotheke rezeptfrei erwerben. Bezüglich der Krankenhauseinweisung würde ich zuerst sehr gerne mit Ihrem Sohn sprechen.“ Ohja, wie ich mich darauf freue…
„Das können wir auch hier und heute klären.“ Keine Frage. Mehr ein Befehl.
„Nein, das können wir nicht. Ihr Sohn ist in diesen Dingen mitspracheberechtigt. Ich kann und ich werde ihn nicht einweisen, ohne mit ihm gesprochen zu haben.“ Mein Blick hält dem ihren stand.
Einen Moment lang ringen unsere Augen miteinander, bis ihre Lider kurz zucken.
„Eine Mutter weiß, was das Beste für ihre Kinder ist!“, versucht sie es, aber ich bleibe dabei: Keine Einweisung ohne Gespräch. Wohlgemerkt ein Gespräch unter vier Augen, zwischen mir und ihrem Sohn.
Das war scheinbar der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt: Wie ich es wagen könnte, ihre Erziehungsmethoden in Frage zu stellen? Was ich mir anmaßen würde?
Sie springt vom Stuhl auf, baut sich vor meinem Schreibtisch auf und stemmt die Hände auf die Tischplatte. Eine rothaarige, wilde Furie.
„Mit Verlaub, Frau Grimnitz, ich stelle Ihre Erziehung nicht in Frage. Um Ihrem Wunsch zu entsprechen, und Ihrem Sohn zu helfen, brauche ich jedoch ein Gespräch mit ihm.“, erwidere ich. „Mit ihm allein.“

Unter Aufbringung meiner gesamten inneren Kraft bin ich sitzen geblieben und lasse ihr die dominante Position. Während mein Herz wild in meiner Brust pocht, und mir der Schweiß aus allen Poren rinnt, falte ich in gespielter Entspannung meine Hände im Schoß und wiederhole meine Worte ruhig und professionell. „Sie können gerne einen zeitnahen Termin ausmachen, dann kann ich alles Weitere mit Ihrem Sohn besprechen.“
Die Spannung zwischen uns ist fühlbar, die Luft ist fast zu dick zum Atmen.

Ein ärgerliches Schnauben ihrerseits beendet unsere Zusammenkunft.
Als sie sich ohne ein weiteres Wort umdreht, die Sprechzimmertür offenlässt und mit großen Schritten aus der Praxis stolziert, fällt mit jedem Meter Abstand zwischen uns die Anspannung von mir ab. Mit schweißnassen Händen dokumentiere ich in der Akte das gesamte Gespräch und versuche mein Herz zu beruhigen.

Je länger ich die Situation reflektiere, desto unwirklicher erscheint sie mir. Warum fragt sie nach Kopfschmerztabletten für ihren Sohn? Sie hat doch sicherlich ein paar Kopfschmerztabletten Zuhause oder weiß sich anderweitig zu helfen. Und die Frage nach der Einweisung? Es wirkt seltsam: Einerseits bemuttert und kontrolliert sie ihre Söhne permanent und nun möchte sie ihn am besten sofort in eine Klinik einweisen? Kam sie vorbei, um mir vordergründig Vorwürfe zu machen? Steht etwas anderes dahinter? Was möchte sie eigentlich?
Irgendetwas passt da nicht. Mein psychosomatischer Alarm springt an, während mein Instinkt anfängt, die emotionalen Puzzlestücke zu sortieren.

Abends liege ich im Bett, hänge in Gedanken noch bei Frau Grimnitz, während die Welt von schneeweißem Glitzerschnee bedeckt im Mondlicht funkelt.

Ich schlafe unruhig, träume von feuerspeienden Drachen, die eigentlich Prinzessinnen sind, und von einem dunklen, augenlosen Monster, das alles verschlingt.


[1] Auch hierbei handelt es sich um eine fiktive Patientin und eine exemplarische Geschichte. Jede Ähnlichkeit zu lebenden Personen ist von mir nicht beabsichtigt.

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