Meine Überraschung ist kaum auszudrücken, als ich morgens bei meiner Ankunft in der Praxis Frau Grimnitz bereits im Wartezimmer sitzen sehe. Diese Frau wartet nicht. Auf nichts und niemanden. Warum also jetzt…?
Zugegebenermaßen bin ich nun neugierig, irritiert – und habe ein bisschen Angst. War ich gestern zu forsch? Vielleicht war es keine gute Idee, ihr so die Stirn zu bieten. Vielleicht hätte ich die Situation diplomatischer lösen können..?
Ganz sicher hätte ich anders reagieren können, wird mir plötzlich bewusst und lässt meine Wangen vor Scham brennen. Ich habe sie nicht wahrgenommen, bot ihr keinen Raum, sondern habe sie, weil ich sie nicht wirklich mag, abgewürgt. Nicht ein einziges Mal habe ich nach dem Befinden Ihres Sohnes gefragt…! Aber auf der anderen Seite wollte sie mich emotional unter Druck setzen, und dass kann ich nicht ausstehen. Die Wahrheit ist: Ich kann diese Frau nicht ausstehen. Sie ist mir zu viel Drama, zu laut, zu fordernd, zu… von allem einfach zu viel.
Wie gehe ich jetzt mit ihr um?
Wie kann ich eine Verbindung zu ihr aufbauen, eine ehrliche und aufrichtige Beziehung?
Wie bleibe ich authentisch und kann dennoch gute Medizin machen?
Sie fasziniert mich – aber reicht das als Grundlage aus?

Gedankenverloren ziehe ich meine Arbeitskleidung an und hole mir einen Kaffee. Noch vor Beginn der Sprechstunde bitte ich Frau Grimnitz in mein Sprechzimmer.

Sie tritt an mir vorbei. Wie immer umweht sie der Duft eines teuren Parfums. Aber auch wenn alles wie immer ist – zeitgleich ist alles anders. Die Farben ihrer Garderobe sind heute etwas weniger harmonisch, der Lippenstift nicht gleichmäßig aufgetragen und ihre Augen wirken müde. Mit Erstaunen stelle ich fest, dass sie sich wohl die Wimpern nicht getuscht hat. Das restliche Make-Up sitzt wie immer akkurat… Zufall oder Absicht?, fragt mein Bauch.

Während Arielle, die Eiskönigin, die Falten ihres Rockes glättet und die Beine übereinanderschlägt, eröffne ich das Gespräch: „Um ehrlich zu sein: Ich bin verwundert. Normalerweise sehen wir uns nicht so häufig und nun gleich zwei Tage in Folge. Darf ich fragen, was Sie heute zu mir führt?“
„Frau Doktor, ich glaube ich hatte gestern einen Herzinfarkt“, sagt sie und sitzt seelenruhig vor mir.
„Moment, Stopp. Erzählen Sie bitte von vorne. Was ist passiert?“ Nun hat sie mich wirklich neugierig gemacht. Ein Seitenblick auf ihre Akte im Computer offenbart mir, dass kein Krankenhausbericht vorliegt – mehr noch: eigentlich steht dort nur unser letztes Gespräch von gestern.
„Gestern Nacht konnte ich nicht einschlafen. Mein Mann und ich hatten noch einen schrecklichen Streit wegen der Sache mit Justin-Jason,… naja, Sie wissen ja… Mein Mann hat mir vorgeworfen, die Kinder nicht richtig erzogen zu haben, dass ich eine schreckliche Mutter sei, und schließlich schloss er sich in deinem Arbeitszimmer ein und wir drei, Justin-Jason, Jeremiah-Jesus[1]  und ich, aßen zu Abend. Irgendwann gegen 24 Uhr bin ich zu Bett und konnte wiegesagt nicht einschlafen. Plötzlich fing mein Herz an wie wild zu klopfen und ich bekam keine Luft mehr, dann kamen Schmerzen in den Armen dazu und diese teuflische Angst. Ich habe nach meinem Mann gerufen, der nicht reagierte. Jeremiah-Jesus hat dann den Rettungswagen gerufen. Aber als die Männer vom Rettungsdienst ankamen, war alles wieder in Ordnung.“
„Und wie geht es Ihnen jetzt?“
„Ich bin noch sehr müde – das alles war gestern sehr aufregend für mich.“
Sie verneint aktuell jegliche Brustenge, Luftnot bei Belastung oder Herzrasen. Laut Marburger Herzscore[2] ist ihr Risiko für ein kardiovaskuläres Ereignis unter 1%. Sie ist 43 Jahre jung, ohne entsprechende Vorerkrankungen, und zeigt aktuell keine Symptome. Dennoch untersuche ich kurz Herz, Brustkorb und Lunge, messe den Blutdruck und veranlasse ein EKG sowie eine Laboruntersuchung inklusive Herzenzymen und Schnelltests.

Differentialdiagnostisch kommt eine Panikattacke in Betracht, was im Anbetracht der Ereignisse der letzten zwei Tage nicht wirklich verwunderlich wäre. Vorsichtig versuche ich dieses Thema anzusprechen: „Frau Grimnitz, meine Untersuchungsergebnisse zeigen momentan vollständig normale Befunde. Das EKG ist unauffällig und auch sowohl der Troponin-Schnelltest als auch der D-Dimer-Schnelltest[3] waren negativ. Eine akute lebensbedrohliche Erkrankung ist somit sehr unwahrscheinlich. Nun mussten Sie in der letzten Zeit mit vielen belastenden Ereignissen umgehen. Vielleicht können Sie mir kurz schildern, wie es Ihnen emotional geht?“
Mit großen Augen schaut sie mich ratlos an. „Was genau meinen Sie?“
„Ich meine, welche Gefühle in Ihnen auftauchen, wenn Sie zum Beispiel an Ihren Sohn Justin-Jason denken. Oder nehmen wir den Streit mit Ihrem Mann: Was fühlen Sie?“
„Was soll ich denn fühlen, Ihrer Meinung nach?“, die frostige Arielle wirkt komplett aus dem Konzept gebracht. Es irritiert mich, dass sie mit meiner Frage nichts anfangen kann.
Kann es sein, dass sie noch niemals gefragt wurde, wie es ihr geht?, frage ich mich plötzlich. Denn genau so wirkt es.Ich habe den Eindruck, wir verlieren den Boden unter den Füßen und fangen an zu schwimmen. Meine mühsam aufgebaute Mauer zwischen ihr und mir bekommt kleine Risse, die immer größer werden, je unsicherer und hilfesuchender sie mir erscheint. Möglicherweise muss ich meine Frage anders formulieren, ihr mehr anbieten – wie einen Strohhalm, nach dem sie greifen kann.


„Eine Frau, die so viel Engagement in der Familie einbringt, die sich mit Liebe um die Kinder kümmert, die muss eine Menge schultern“, stelle ich fest. (In Ordnung: Das sehr dick aufgetragen und eine Interpretation sehr in ihrem Sinne, aber ich muss sie irgendwie zu mir ins Boot holen.) „Und wenn man so eine Last ständig erträgt“, fahre ich fort, „dann sind solche Ereignisse, wie der Streit mit dem Mann, der Ihnen vorwirft, eine schlechte Mutter zu sein, doch sicherlich sehr kränkend. Vielleicht fühlen Sie sich auch wütend auf den Mann?“
Eine Stille, die ohrenbetäubend ist, erfüllt den Raum.
Dann, ganz langsam, schüttelt sie den Kopf. „Nein, ich fühle nichts dergleichen.“ Frau Grimnitz pickt imaginäre Fusseln vom marineblauen Faltenrock, dann schaut sie auf, wirft mir ein kleines (falsches?) Lächeln zu und erhebt sich.
„Vielen Dank, Frau Doktor, mir geht es schon viel besser. Ich melde mich dann wegen Justin-Jason.“ Noch ein kurzer, kontrollierender Griff zur Frisur, dann nimmt sie Ihre Handtasche und geht.

Sie lässt mich ratlos und sprachlos zurück.


Eine Arielle, die nicht schwimmen kann.
Ein leeres Boot in einem leeren Meer.
Und eine Ärztin, die plötzlich ohne Mauern ist.


[1] Spanisch ausgesprochen. Wer weiß, was sie dazu bewogen hat…

[2] https://allgemeinmedizin.med.uni-rostock.de/fileadmin/Institute/iallmed/Vorlesung/Marb_HS_Handout_A5.pdf

[3] Zwei Schnelltests, die in 15 Minuten sowohl eine Thrombose, als auch einen Herzinfarkt ausschließen.

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