Schaum knistert zwischen meinen Fingern. Das Badezimmer ist in weiches Kerzenlicht getaucht.
Ich liege in der heißen Badewanne und hänge meinen Gedanken nach…

„Letzte Nacht hatte ich einen seltsamen Traum, der mich nicht mehr loslässt“, beginnt Frau Grimnitz unsere erste Sitzung einer psychosomatischen Intervention [1].
Heute wirkt sie aufgeräumter, so als hätte sie ein Stückweit Fassung wiedergewonnen. Das Haar sitzt, die Kleidung ist ordentlich. Aber ihr Gesicht ist unter dem Make-Up aufgedunsen.
Ich fordere sie auf, mir von dem Traum zu erzählen (und erinnere mich plötzlich an meine eigenen Träume, die ich im Zusammenhang mit ihr bereits hatte).
Ich liebe Träume; das Ungesagte und Ungehörte spricht nachts zu uns. Träume verstehe ich als Sinnbilder unseres Unbewussten, der Anteile unseres Selbst, die meist düster und unangenehm sind. Je mehr sie uns beschäftigen, desto mehr Wahrheit steckt möglicherweise in ihnen. Diese Wahrheit jedoch zu erkennen und zu nutzen ist häufig schwierig. Oft finden unsere blinden Flecken – also die Persönlichkeitsanteile von uns, die wir nicht „sehen“ können (andere hingegen schon) – eine bildhaft verschlüsselte Sprache, um an die Oberfläche treten zu können. Traumdeutung ist etwas höchst Individuelles. Daher bin ich der Überzeugung, dass die eigentliche Interpretation nicht von außen (also von Traumdeutungsbüchern, Hellsehern, oder auch von mir) erfolgen sollte, sondern dass die Patienten ihre eigenen Ideen und Vorstellungen zum Traum entwickeln müssen. Dennoch benötigt es manchmal etwas Unterstützung von außerhalb, um das Offensichtliche für den Träumer sichtbar zu machen.

„Es ist ein wunderschöner Sommertag und ich stehe auf einer blühenden Wiese an einem Fluss. Die Vögel singen, ein sanfter Wind weht… Plötzlich beginnt der Boden zu beben und ich erkenne, dass eine riesige Welle auf mich zurollt. Wie ein Tsunami reißt diese Welle alles mit sich: die Bäume, die Sträucher, die Häuser, einfach alles. Es ist eine beängstigend große Welle. Im Traum frage ich mich überhaupt nicht, wie so eine Welle entstehen kann… Ich habe Angst. Ich will weglaufen, aber ich kann nicht. Als ich zu meinen Füßen blicke sehe ich, dass zwei Hände mich festhalten. Die Hände kommen direkt aus dem Fluss, der jetzt dunkel und grau ist. Es beginnt zu regnen und ich greife nach den Händen, will mich befreien und endlich weglaufen. Ich will weg, nur weg! Aber dann denke ich, dass die Hände zu jemandem gehören müssen, also ziehe ich an den Händen. Langsam steigt ein Gesicht aus dem Fluss auf. Die Augen sind glanzlos und tot, der Mund aufgerissen, ich erkenne das Gesicht meiner Zwillingsschwester. Ich lasse schockiert die Hände los. Als das Gesicht mit den Händen weggespült wird, merke ich, dass ich dieses Gesicht bin. Es ist mein totes Gesicht, in das ich starre. Dann werde ich weggespült und wache schreiend auf.“

Ach. Du. Schande!, denke ich.
Das ist ganz schön harter Stoff.
„Was bedeutet das?“ fragt Frau Grimnitz tonlos und schaut mich aus geröteten Augen an. „Was hat das alles zu bedeuten?“

Was soll das bedeuten?
Eine sehr hilfreiche Methode, um den Traum mit Interpretation zu füllen, ist das freie Assoziieren – oder anders ausgedrückt: Laut die eigenen Gedanken auszusprechen, ohne sie zu zensieren. Nichts zurückhalten, es gibt keine falschen Gedanken. Ich fordere Frau Grimnitz auf, alle Gefühle und Erinnerungen zu schildern, die ihr spontan im Geiste erscheinen. Egal was das auch sein mag.
Zu Beginn noch etwas gehemmt und holprig, beginnen wir, die Einzelteile zu analysieren. Manche Ideen verwerfen wir, manche fügen wir in das Bild ein. So entsteht nach und nach die Bedeutung des Traumes, wie sie für meine Patientin Sinn ergibt:
Der Sommer stehe für ihren Lebensabschnitt, sie sei in der Blüte ihres Lebens. Die große Welle stehe für die Angst, die sie aktuell überrolle und hilflos mache. Diese buchstäbliche Flut an Emotionen sei für sie kaum zu verarbeiten, sie wolle wegrennen, sich verstecken, aber sie kann einfach nicht. All das erfüllt sie mit unglaublicher Angst.
„Manchmal denke ich, die falsche Schwester ist gestorben.“, flüstert sie mit rauer Stimme. „Ich hätte sterben sollen. Es hätte mich treffen müssen! Ich wünschte, ich wäre tot an ihrer statt… Wenn ich dadurch meiner Schwester wieder Leben verschaffen könnte, ich würde es sofort tun!“

Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Also sage ich nichts und lasse diesen unfassbaren, schweren, traurigen Satz auf mich wirken.
„Ich weiß nicht, was ich sagen soll…“, gebe ich zu mit muss schwer schlucken. „Das muss sich schrecklich anfühlen…“
Wir sitzen einen Moment schweigend beisammen.

Dann passiert etwas Erstaunliches: Frau Grimnitz beginnt zu weinen. Zuerst glaube ich, es sei ein trockenes Hüsteln, aber sie weint trockene Tränen. Sie schluchzt und heult mit einem Klageton, der mich tief berührt. Meine Sicht verschwimmt, als mir die Tränen kommen. So sehr ich sie zurückhalten möchte: Ich kann es nicht. Nun sitze ich ihr gegenüber und lasse zu, dass die Tränen heiße Spuren auf meinen Wangen hinterlassen.
Darf man das? Darf man als Ärztin mitweinen?
Ich sage: Ja. Das darf man.
Ich möchte ihr sagen: Es ist in Ordnung. Ich bin da.
Aber ich schweige. Dafür sprechen meine Tränen.

Berührung spielt in der ärztlichen Arbeit eine zentrale Rolle: Die körperliche Berührung bei der Untersuchung des Bauches oder der Gelenke; Eine Berührung die sogar noch tiefer geht, Körpergrenzen überschreitet, wenn es um Blutentnahmen oder Operationen geht – und die seelisch-emotionale Berührung, die sich in den Gesprächen, in der Arzt-Patienten-Beziehung widerspiegelt.
Beziehungen sind immer wechselseitig und haben demzufolge immer etwas damit zu tun, dass man sich berühren lässt.
Ein authentischer Umgang mit dieser Berührung und das Bewahren sowohl der eigenen als auch der fremden Integrität ist unabdingbar.
Wenn ich weine, bin ich authentisch. Denn es zeigt mich in meiner Emotionalität. Und mehr noch: Mein eigenes Weinen zeigt, dass Weinen ein normaler menschlicher Ausdruck von Gefühlen ist.
Weinen ist in Ordnung. Weinen hilft. Du bist nicht allein.

Frau Grimnitz entschuldigt sich mehrfach.
„Schauen Sie mich an, ich sehe nicht besser aus“, schmunzel ich und sie muss lachen. „Was macht das mit Ihnen, wenn Sie vor mir weinen?“ Ich tupfe mir die Augen trocken und muss laut schnäuzen.
Meine Patientin deutet ein Achselzucken an. „Ich fühle mich hilflos. Und irgendwie befreit.“ Sie sei noch niemals so „zusammengebrochen“.

Unsere Gefühle sind beides: Maske und Enthüllung zugleich. Zwar können wir uns hinter Zorn, Schuld und Scham gut verstecken, jedoch steht hinter jedem Gefühl eine Angst.
Irvin D. Yalom fasste diese Ängste als „Grundtatsachen des Menschseins“ zusammen: Die Angst vor dem Tod, der Einsamkeit, der Freiheit und der Sinnlosigkeit [2] und baute darauf seine existenzielle Psychotherapie auf. Lassen sich unsere Ängste alle auf diese Nenner bringen?
Yalom sagt: Ja!
Ich bin mir unsicher. Worin ich mir hingegen sicher bin, ist, dass Ängste sich in Schichten überlagern können und häufig durch negative Gefühle verdeckt werden. Oder es werden jegliche Gefühle verneint und von sich gewiesen. Wie ein Kind, das sich die Augen zuhält und sagt: „Du siehst mich nicht!“.
Aber wollen wir das nicht alle: Gesehen werden? Hegen wir nicht alle den heimlichen Wunsch in unserem Sein und unserem Leiden als einzigartig und besonders anerkannt zu werden? Dieses Bedürfnis liegt in unserer Menschlichkeit begründet: Kein Leid der Welt wurde im Verlauf der Geschichte in dieser Art noch nie erlebt – auch wenn jedes Leid, jeder Schmerz, seine eigene individuelle Färbung hat.
Berauben wir uns – oder auch jemand anderen – dieser Individualität, dann ist der Verlust dieser Einzigartigkeit immer mit einer gewissen Trauer und einer gewissen Erlösung verbunden.  Wenn wir erkennen, dass wir zwar alle einsam leiden, aber nie allein im Leiden sind, dann kann dieser Umstand etwas Tröstliches haben. Hinter dem Wunsch nach Einzigartigkeit steht der Wunsch nach Anerkennung, dem „Gesehen werden“.

Es gibt einen urbanen Mythos über Gandhi und Einstein [3]. Demzufolge soll Mahatma Gandhi auf die Frage von Albert Einstein, was er denn mit dem Gruß Namasté ausdrücken wolle, folgendes geantwortet haben:

Ich ehre den Platz in dir, in dem das gesamte Universum wohnt. Ich ehre den Platz des Lichts, der Liebe, der Wahrheit, des Friedens und der Weisheit in dir. Ich ehre den Platz in dir, wo, wenn du dort bist und auch ich dort bin, wir beide eins sind.

Ich steige aus der Badewanne und trockne mich ab.
Mit einem Schlag wird mir klar, dass hinter Frau Grimnitz arroganten und affektierten Verhalten eine große Einsamkeit steht – und dahinter noch etwas viel Größeres.
Mir wird bewusst, dass meine eigene Gegenwehr, die Angst nicht zu genügen und ihr nicht gerecht zu werden, im Grunde der Spiegel ihrer Gefühle ist: Sie hat Angst nicht zu genügen, die Kontrolle zu verlieren, als „minderwertiger Ersatz für ihre Schwester“ zu gelten.
Plötzlich bekomme ich eine Gänsehaut.


[1] EBM 35100 und 35110 – hier kann ich mir etwas mehr Zeit für sie lassen.

[2] Fäh M. (2008) Irvin D. Yalom: Existenzielle Psychotherapie. In: Pritz A. (eds) Einhundert Meisterwerke der Psychotherapie. Springer, Vienna. https://doi.org/10.1007/978-3-211-69499-2_98

Eine wunderschöne Zusammenfassung kann man hier hören: https://www.youtube.com/watch?v=3HRDVwaTdvQ

[3] Den ich zwar sehr schätze, aber leider nicht durch Quellen belegen kann.

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