Wussten Sie, dass Psychotherapie bedeutet, dass es einem erst einmal schlechter geht, bevor es leichter wird?
Mich hat das überrascht.
Irgendwie war ich – bevor ich mich mit dem Thema auseinandersetzte – der Auffassung, es ginge primär darum, dass es jemandem besser geht.
Besser, nicht schlechter.
Wenn man sich jedoch bewusst macht, dass der Auslöser für die Krise meist deutlich tiefer liegt als zu Beginn offensichtlich, dann ist auch klar, dass eine Behandlung an der Wurzel immer mit „graben“ oder „tiefer schürfen“ verbunden ist.
Wenn wir uns eine dauerhafte Veränderung wünschen, müssen wir das Übel an der Wurzel bekämpfen. Manchmal bedeutet das eben auch, dass man dieses Übel mit der Wurzel herausreißen muss.
Mich lässt Frau Grimnitz nicht los.
Wo liegt bei ihr die Wurzel des Problems? Was liegt an der Basis ihrer Geschichte?
Das Drama, das sie im Alltag um sich herum entstehen lässt, wirkt wie ein Schutzschild, ein Ablenkungsmanöver, um den Blick von dem eigentlichen Geschehen – dem inneren Konflikt – abzulenken.
Eine harte, funkelnde Schale umhüllt Frau Grimnitz. Eine diamantene Hülle, die das Licht nie bis ins Innere vordringen lässt, dafür aber umso mehr reflektiert und glitzert. Somit verhüllt sie die Schätze, die sich in ihrem tiefen Selbst verborgen halten.
Ich beginne den Glanz, der in ihr wohnt, zu erahnen – ob sie ihn auch ahnen kann?
In unserer letzten Sitzung konnten wir einen ersten kleinen Blick hinter die Fassade werfen.
Aber als sie heute mein Sprechzimmer betritt, wirkt alles wie immer. Die „alte“ Annabelle Grimnitz ist zurück, mitsamt den Allüren und dem arroganten Auftreten.
Schon zuvor hatte ich im laufenden Sprechstundenbetrieb ihre Stimme durch die Zimmertür gehört, als sie sich lautstark über die Schwestern beschwerte.
Es müsse doch wohl möglich sein, heute noch eine Einweisung zum Entzug zu bekommen! Ob denn alle Mitarbeiterinnen hier so inkompetent seien..?!
Sie keift und tobt. Viele der Worte gehen durch die räumliche Distanz verloren, aber diesen Tonfall kenne ich nur zu gut.
Sofort ist meine Laune im Keller.
Ich habe keine Lust auf diese Frau. Wir waren doch schon so wunderbar voran gekommen…! Und jetzt sowas… Mit einem Seufzer mache ich meiner Frustration Luft.
Eigentlich hatte ich heute mit ihr geplant, noch einmal daran zu arbeiten, was direkt nach dem Tod ihrer Zwillingsschwester passierte. Welche Copingstrategien [1] ihre Familie und auch sie selbst besaßen, um mit dem Verlust umzugehen. Ich hatte mich extra in die Thematik eingelesen, Studien gesucht…
Aber nun konnte ich mir meinen gesamten Plan wohl in die Haare schmieren.
All das wird mir schlagartig bewusst, als Frau Grimnitz zusammen mit ihrem Sohn mein Sprechzimmer betritt.
So war das nicht gedacht…! Jetzt bin ich nicht nur frustriert, sondern auch noch wütend (und enttäuscht).
Der heutige Termin war nicht dazu gedacht, die Probleme mit ihrem Sohn zu klären – der MORGEN einen Termin hätte!
Meine Gedanken überschlagen sich. Ach, Kacke..! (Entschuldigen Sie den Kraftausdruck)
In dieser Form zurückgeworfen zu werden, fühlt sich ein bisschen wie eine Niederlage an.
Stehe ich nun alleine auf dem Schlachtfeld und meine Begleitung hat Fahnenflucht begangen?
War all die schöne Mühe umsonst..? Das Lesen und Forschen, das Bohren und Locken,…
Doch Halt! Moment! Worum geht es bei meinen Gedanken eigentlich?
Fühle ich mich im Ego gekränkt? Bin ich eingeschnappt, weil meine Patientin mein aufopferndes Bemühen nicht sieht, meinen Großmut nicht versteht?
Mir wird schlecht, als mir bewusst wird, dass ich gerade meinem eigenen Narzissmus auf dem Leim gehe. Ihn nicht nur akzeptiere, sondern ihn richtiggehend anfeuere!
Autsch.
Doch dieser kurze Moment, in dem ich meine eigenen Motive hinterfrage, eine Erkenntnis über mich erlange und von meinen negativen Gefühlen Abstand nehmen kann, hilft mir auch, meiner Patientin und ihrem Begleiter entspannter entgegentreten zu können.
Dennoch kann ich mir einen leicht bissigen Kommentar nicht verkneifen [2]: „Frau Grimnitz, ich freue mich Sie heute zu sehen, bin allerdings auch überrascht, dass Sie Ihren Sohn mitbringen. Der heutige Termin war eigentlich für Sie allein gedacht. Für Ihren Sohn hatte ich mir morgen Zeit eingeplant.“
„Ja, ja, Sie und Ihr Psycho-Gewäsch… Das können Sie mal schön bleiben lassen! Ich bin heute wegen meines Sohnes hier, der seine Finger einfach nicht vom Alkohol lassen kann..!“, erst giftet sie mich an, dann wirft sie einen vernichtenden Blick zu ihrem Sohn, der nur genervt mit den Augen rollt.
„Boah, Maa! Cringe!“, kommentiert er und holt sein Handy aus der Tasche. iPhone. Was sonst.
Frau Grimnitz geht nicht weiter auf ihn ein, scheint von der Reaktion gänzlich unbeeindruckt.
„Er muss jetzt in eine Klinik“, sagt sie und funkelt mich böse an.
Ich sage nichts, sondern beobachte beide nur.
„Na los! Tippen Sie etwas in Ihren Computer! Je schneller wir hier fertig sind, desto besser.“ Ihre Augenlider werden auseinandergerissen, ihre Augäpfel treten ein Stück weit hervor. Dann faucht sie wütend.
Während ich versuche ruhig dazusitzen, rasen in meinem Kopf die Gedanken.
Was mache ich? Soll ich den Termin für den Sohn vorziehen – und damit ihrem Wunsch entsprechen? Ob ich ihn dann wirklich einweise muss ich eh noch untersuchen.
Oder bleibt es bei dem Termin morgen?
Dann wäre Frau Grimnitz wohl mehr als sauer – und ich hätte vermutlich nichts gewonnen. Weder eine offene und zugängliche Patientin noch die Möglichkeit, im Verlauf mit ihr auf einem vertrauensvollen Niveau zu arbeiten.
Letztlich kommt es wohl auf dasselbe hinaus: Sie bekommt ihren Willen.
…Ich hoffe, das lohnt sich jetzt…
„In Ordnung, Frau Grimnitz. Ich würde Sie gerne bitten im Warteraum Platz zu nehmen, damit ich mich mit Justin-Jason allein unterhalten kann.“ Es folgt ein bedeutender Blick meinerseits in seine Richtung.
Das Wort allein bekommt bei ihm eine neue Bedeutung, denn ich fürchte, es wird eher ein Monolog denn ein Dialog.
Zufrieden nimmt Frau Grimnitz ihre Handtasche und hält nicht einmal inne, während sie zügigen Schrittes das Sprechzimmer verlässt.
Was bleibt ist Stille. Und das Geräusch, das Finger auf einem Smartphone machen, wenn Nachrichten geschickt werden. Jede Nachricht durchbricht die Ruhe als leises „Pling“, gefolgt von einem akustischen Geräusch der Zustimmung, des Genervt-seins oder der Irritation. Dann wieder Daumenbewegungen auf dem Touchscreen.
„Justin-Jason, ich würde dich gerne etwas fragen.“
„Mhmmm…“, kurze Zustimmung. Anschließend höre ich: „Sheesh, Alter!“ und energisches Tippen.
Meine Augenbrauen wandern nach oben und ich kratze mich kurz am Kopf.
„Wollen Sie nun etwas fragen, oder nur so dasitzen?“, fragt er, ohne aufzuschauen. Immerhin trägt er heute nicht seine grässliche Mütze, die aussieht, als wäre sie zwei Größen zu klein. Ich fühle mich plötzlich alt. Die Mode der 90er ist wieder da. Die Musik der 90er ist wieder da. Wann genau ist es passiert, dass ich mich alt fühle…?
„Wie geht es dir?“, versuche ich einen Gesprächsaufbau.
„Gut.“
„Weißt du, warum du hier bist?“
Keine Reaktion.
„Deine Mutter macht sich Sorgen wegen…“ Nächster Versuch.
„Meine Maa macht sich wegen fast allem `ne Platte…“, unterbricht er mich. „Chillen Sie mal!“
Entschuldigung?! Ich ziehe die Augenbrauen hoch und kann ein Seufzen nicht unterdrücken. Dann eben als Monolog…
„Dauerhafter und übermäßiger Alkoholkonsum schädigt nicht nur die Leber, sondern auch das Gehirn“, beginne ich meinen Vortrag.
Justin-Jason schaut kurz auf und ein freches Grinsen überzieht sein verpickeltes Gesicht. „Aber es hilft meinem Sozialleben“, kontert er, bevor sein Blick wieder im Handy verschwindet.
Ob ihm bewusst ist, was das über ihn und seine Freunde aussagt?, frage ich mich.
Aber irgendwo kann ich es auch ein wenig nachvollziehen. Wer hat nicht falsche Entscheidungen und manchmal vielleicht auch etwas zu viel Alkohol auf dem Jugend-Konto…? Die Zeit, wo man weder wusste, wer man ist, noch wusste, wo man hinmöchte und versuchte, dazuzugehören… Die Pubertät ist sicherlich kein Zuckerschlecken.
Und so sitzt er mir gegenüber, hämmert mit dem Daumen auf dem Display herum und hat sich von der Außenwelt vollkommen abgeschirmt.
„Gut.“, sage ich. „Was ist deine Idee, wie es weitergeht?“
Irritiertes Augenlidflackern. „Was meinen Sie?“
„Was soll ich machen?“ Ich fixiere ihn mit meinem Blick. Meine Ratlosigkeit ist ernst gemeint. „Was ist dein Vorschlag?“
Die Antwort kommt prompt: „Mich in Ruhe lassen. Alle sollen mich mal in Ruhe lassen! Sie, Maa, die verf*ckte Schule,… einfach alle!“
„Womit sollen dich denn alle in Ruhe lassen?“
„Boah, was weiß ich denn?! Es nervt einfach alles! Ständig will jemand was von mir!“, platzt es aus ihm heraus. Nun wirkt mein junger Patient zwar sauer, aber immerhin habe ich erstens eine emotionale Reaktion und zweitens seine Aufmerksamkeit.
„Was wäre also dein Wunsch – neben Ruhe, meine ich?“
Er zuckt mit den Schultern und der Gefühlsausbruch verdampft. Seine Aufmerksamkeit kehrt zum Handy zurück. Ich habe ihn wieder verloren. Verdammt!
Die Zeit verstreicht. Sekunde für Sekunde. Augenblicke dehnen sich zur Ewigkeit.
Während ich ihn beobachte, einen Teenager ohne Plan von sich und seinem Leben, fällt mir leider auch keine inspirierende Lösung ein.
Wie ich es auch drehe und wende: Für mich besteht aktuell keine Indikation zur Einweisung. Von Krankheitseinsicht fehlt jede Spur – und damit wäre, selbst wenn ich ihn einweise, der Erfolg nur mäßig.
Außerdem frage ich mich, wie ich das Ausmaß des Alkoholkonsums einschätzen soll, wenn ich keine ehrliche Gesprächsbasis aufbauen kann.
Frustriert stehe ich auf. „Gut. Dann hole ich mal deine Mutter wieder rein. In Ordnung?“.
Achselzucken. Mir doch egal.
Frau Grimnitz erscheint im Zimmer. Bilde ich mir das ein, oder versteift sich Justin-Jason eine Millisekunde?
Meine knappe Zusammenfassung bestehend aus fehlender Indikation zur Einweisung, jedoch einer Möglichkeit zur Vorstellung in der Suchtberatungsstelle, wird mit wenig Freude aufgenommen.
„Himmel! Hier sind nur vollkommen inkompetente Personen angestellt! Die Indikation liegt auf der Hand!“ Annabelle Grimnitz reißt ihre Hände hoch, ihre Handtasche verfehlt nur knapp meine Wange.
„Komm, Justin-Jason, wir gehen!“, zischt sie und zieht ihren Sohn vom Stuhl hoch.
Schimpfend rauscht sie aus der Praxis, während ihr Sohn hinter ihr hertrottet.
Die Stille klingelt in meinen Ohren. Oder ist es mein eigener Puls?
Müdigkeit überkommt mich, die Kraft sickert aus Armen und Beinen. Ich brauche ein paar Minuten, um alles zu dokumentieren und mich wieder zu fassen.
Langsam keimt die vorsichtige Hoffnung, Frau Grimnitz könnte morgen wieder in meiner Sprechstunde erscheinen.
Aber was soll ich sagen?
Sie kommt nicht.
…Was habe ich auch erwartet?
[1] Auch: Bewältigungsstrategien. Methoden, um mit einschneidenden Erlebnissen umzugehen. Als funktional, also hilfreich, gelten beispielsweise ein Austausch mit anderen, den Gefühlen Ausdruck geben, Sport machen,…
[2] Auch ich bin ein Mensch.