Wann haben Sie das letzte Mal ruhig dagesessen?
Damit meine ich: komplette Ruhe – innen wie außen.
Einfaches, stilles Sitzen. Die Gedanken ziehen wie lautlose Schleier vorbei. Wertfrei, angstfrei, entspannt.
Das, was so einfach klingt, ist in Wahrheit ausgesprochen schwer. Vielen von uns ist die Stille unangenehm. Denn in der Stille begegnen wir uns selbst und unseren Sorgen, Ängsten, Bedürfnissen, aber auch unserer eigenen inneren Weisheit, Stärke und Weitsicht.
Das moderne Leben voll verschiedener Formen der Zerstreuung. Die Medien sind omnipräsent, das Handy bietet permanente Informationen, Input und Neuigkeiten.
Doch solange wir uns mit dem Außen beschäftigen und uns fragen, was wir alles verpassen könnten, wie andere uns sehen, um Aufmerksamkeit heischen und uns gegenseitig Nähe vorgaukeln, begegnen wir niemandem im Inneren. Weder uns selbst noch anderen.
Der mediale Konsum als Suchtform.
Medien sind eine Art der Betäubung, die gesellschaftlich im hohen Maße akzeptiert und befürwortet wird. Dennoch sind die Grenzen zwischen normaler und pathologischer Internetnutzung fließend. Nicht umsonst hat die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) 2016 ein Positionspaper veröffentlicht, in dem gefordert wird, den Begriff „Sucht“ auch auf die Bereiche Internet- und Mediennutzung auszuweiten [1].
Diese sogenannte „nicht-stoffgebundene Sucht“ oder „Verhaltenssucht“ äußert sich in zwanghafter Wiederholung von bestimmten Verhaltensweisen. Betroffene verspüren dann den starken Drang, dem jeweiligen Reiz zu folgen, er dominiert ihre Gedanken und ihre Handlungs- und Entscheidungsfreiheit ist stark eingeschränkt. Letztlich haben sie nicht die Freiheit, diesem imperativen Bedürfnis zu widerstehen.
DGPPN, 2016 [1]
Hand aufs Herz: Sind Sie schon einmal aus dem Haus gegangen und haben das Handy vergessen? Wenn ja, wie fühlte sich das an? Spürten Sie den Impuls zurückzufahren (oder haben es sogar getan)? Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie unterwegs keinen Internetempfang haben?
Wie oft am Tag greifen Sie zum Handy?
Fühlen Sie sich vielleicht durch die Fragen persönlich angegriffen oder provoziert?
Die exzessive Ausübung der jeweiligen Tätigkeiten aktiviert dieselben Belohnungszentren im Gehirn und führt zu einer ähnlichen Symptomatik wie bei substanzbezogenen Störungen (z. B. Alkohol-, Tabak- und Drogensucht), d. h. Wiederholungszwang, Kontrollverlust, Toleranzentwicklung und (in schwächerem Umfang) Entzugserscheinungen.
DGPPN, 2016 [1]
Mir geht es nicht darum, das Handy oder auch die Vorzüge von sozialen Medien zu verteufeln. Es hat viele Vorteile, erreichbar zu sein und sich jederzeit informieren zu können, über viele Kilometer hinweg Kontakt halten zu können. Auch – und insbesondere – in diesen Zeiten ist es wichtig, unabhängige Informationen erhalten zu können, und füreinander da zu sein.
Aber wie bei allem im Leben ist es wohl auch hier die Balance, die den Wert bestimmt.
Kritische Fragen zum eigenen Konsumverhalten sind also ebenso notwendig, wie ehrliche Antworten.
Und hinter all den Coaching-Angeboten, der Selbstoptimierung, dem Perfektionismus und den strahlenden Vorbildern, die Instagram, Facebook, TikTok, Youtube und andere Anbietern steht eine zentrale Frage:
Wo ist der Raum, um uns selbst zu begegnen?
Wer sind wir eigentlich?
Wir sind 24h am Tag mit uns selbst zusammen.
Von der Geburt bis zu unserem Tod gibt es niemand anderen, der dieses Privileg besitzt und gleichzeitig die Verantwortung trägt.
Als soziale Wesen brauchen wir den Kontakt und den Austausch mit anderen, ein gesellschaftliches Gefüge, eine sinnvolle Rolle innerhalb unseres Umfeldes.
Und ebenso brauchen wir diesen Kontakt mit uns selbst.
Die Stille bildet einen Ort der Begegnung, der mitfühlenden, aufrichtigen und akzeptierenden Selbstwahrnehmung.
Der Weg zur Stille ist kein unbedingt leichter, sondern setzt eine gewisse Geduld voraus (auch eines der Dinge, die wir verlernt haben: geduldig zu sein).
Man darf den Weg gerne als liebevolle Herausforderung betrachten. Die Reise zur Stille in uns selbst kann uns viel beibringen. Wir selbst sind unsere härtesten Lehrmeister.
Das „Ich“ steht im Zentrum. Wir können Geduld lernen und gleichzeitig ehrliche Selbstwahrnehmung, Selbstanteilnahme und Selbstmitgefühl. In der Stille lernen wir etwas über uns selbst – jeden Moment ein wenig mehr.
Doch in der Stille liegen auch all die Dinge, die wir versuchen mit Betäubung abzudecken, sie zu verstecken und in der Intensität abzumildern: Unsere Ängste, Not, Trauer, Verzweiflung, unerfüllte Bedürfnisse.
Wie können wir verhindern, dass uns die Gefühle nicht brutal treffen? Wie können wir mit diesen negativen Gefühlen umgehen lernen?
Der Geist teilt mit, wie weit er zu gehen bereit ist und die Anerkennung dieser eigenen Grenzen ist essenziell für die mentale Gesundheit.
Die Reise zu uns selbst ist keine Verpflichtung. Sie ist ein Angebot des Lebens an uns.
Die Stille ist nur ein Weg von unglaublichen vielen Wegen – uns wir sind nicht alle gleich. Was für den Einen funktioniert, klappt für den Anderen nicht.
Doch was passiert, wenn wir in die Stille gehen? Worin besteht die Belohnung?
Durch mentale Stille lernen wir, dass Gedanken nur Gedanken sind. Sie kommen und ziehen vorüber.
Gefühle sind nicht in Stein gemeißelt, sondern können verblassen.
Unsere Persönlichkeit und unser Charakter sind deutlich weniger konstant, als es den Anschein macht. „Ich bin halt so“ bekommt ein Fragezeichen.
„Bin ich so? Möchte ich so sein?“
Wir sind fließend, formbar, plastisch. Jede Sekunde ändern wir uns. Dank der neuronalen Plastizität können neue Gewohnheiten entworfen, geprägt und verinnerlicht werden.
Durch die Selbsterkenntnis und die Fähigkeit zur wertschätzenden Selbstwahrnehmung können wir unser Leben positiv beeinflussen.
Einatmen,
Ausatmen,
Stille aushalten.
Einatmen,
Ausatmen,
Stille aushalten.
Einatmen,
Aushalten,
Zuhören.
[1] Verhaltenssüchte – Stellungnahmen 2016 – Stellungnahmen – Presse – DGPPN Gesellschaft (abgerufen: 02.03.2022, 14:22 Uhr)