Wie schnell sich die Dinge ändern können, geht mir durch den Kopf.
Meine Stirn legt sich in Falten. Dann lege ich nachdenklich den Befund auf den Tisch zurück.
Steve Dewin starrt mich an. Ich vermeide seinen Blick und hole tief Luft.
„Nichts.“, sage ich.
Sein Gesicht drückt ungläubige Verwunderung aus. „Wie, nichts?“, fragt er.
„Es ist alles in Ordnung, keine Auffälligkeiten in der MRT.“, fasse ich zusammen und gebe ihm einen Moment, diese Information kurz sacken zu lassen. Meine Augen kehren zum schriftlichen Befund zurück, der zwischen uns auf dem Schreibtisch liegt.
„Keine Voruntersuchungen zum Vergleich vorliegend. Achsengerechte Darstellung der Mittellinie. Kein Hirnödem. Regelrechte Signalgebung der grauen und weißen Hirnsubstanz, insbesondere ohne Nachweis eindeutiger Durchblutungsstörungen, frischer oder alter Blutungen. Kein Hinweis für fokale Demyelinisierungen, entzündliche oder raumfordernde Prozesse.
Altersentsprechende und symmetrische Weite der inneren und äußeren Liquorräume. Unauffällige Darstellung der intraorbitalen Weichteile. Sella, inklusive Hypophyse, Kleinhirnbrückenwinkel und craniocervicaler Übergang unauffällig. Paukenhöhlen, Mastoidzellen und Nasennebenhöhlen regelrecht belüftet.
Beurteilung: Unauffälliger intrakranieller Befund ohne Korrelat zum klinischen Befund.“, steht auf dem Blatt Papier.
Normalbefund. Schwarz auf weiß.
Ich beobachte von Zeit zu Zeit, dass ein „Normalbefund“ zur Frustration des Patienten führt. Alle Hoffnungen auf eine somatische Erklärung für das körperliche Empfinden zerplatzen wie eine Seifenblase.
Das Leid ohne fassbaren Grund, die Symptome als Fiktion? Teilweise ist das Unerklärliche schwerer aushaltbar als eine Diagnose.
Wir sind stets auf der Suche nach Gründen. Wollen einen Schuldigen finden, den wir bekämpfen können. Der unbändige Wunsch nach Kontrolle über das Geschehen, unseren Körper, unser Leben. Doch wie bekämpft man einen Schatten, was hat man einem Phantom entgegen zu setzen?
Wie kann man ertragen, dass man nichts weiß – wie bewältigt man den Kontrollverlust? Sind wir nur Spielball des Schicksals, eine Laune der Natur?
Die Willkür der Dinge erdrückt uns, und wir wenden uns schamhaft von unserem eigenen Unvermögen ab, damit umzugehen.
Auch Herr Dewin sieht weder erleichtert noch glücklich aus.
„Und was jetzt?“, möchte er wissen. Seine Stimme klingt verzweifelt.
„Mich würde interessieren, wie es Ihnen mit diesen Ergebnissen geht.“ Fühlen wir gerade dieselbe Frustration? Denn auch ich bin frustriert. Insgeheim war ich wohl davon ausgegangen, dass hier eine seltene Diagnose lauert, etwas Ungewöhnliches, Neues. Dann hätte ich mich für mein diagnostisches Geschick loben können. Und nun?
Auch für mich ist Unwissenheit schwer auszuhalten. Ist es nicht genau das, was die Patienten von mir wollen: Eine Erklärung für die Dinge, eine Lösung für das Problem? Ich kenne die Lösung nicht. Und das knabbert an meinem ärztlichen Rollenverständnis.
Während ich meinen eigenen inneren Kampf hinunterschlucke, beschließe ich, die ganze Situation erneut unbefangen und von Anfang an zu betrachten.
Irgendetwas habe ich übersehen. Das weiß ich!
„Na wie soll es mir damit gehen? Die Kopfschmerzen sind jeden Tag da, Tag wie Nacht. Und ich hätte gerne irgendetwas, das mir hilft!“
Ich beobachte sein linkes Knie, wie es nervös auf und ab wippt.
Er seufzt. „Mir fehlt der Schlaf… Nur einmal länger als zwei Stunden am Stück schlafen, das wäre großartig..!“
Einem Impuls folgend frage ich: „Was war zuerst da: der Kopfschmerz oder die Schlafstörungen?“
„Die Schlafstörungen“, kommt es sofort.
Mein Instinkt hat Witterung aufgenommen. „Was genau haben Sie schon alles probiert, um besser schlafen zu können?“
„Man könnte besser aufzählen, was ich noch nicht versucht habe…!“ Seine Mundwinkel verziehen sich zu einem schiefen und traurigen Lächeln.
Er scheint sich zu sammeln. Dann legt er los: „Benzodiazepine, Baldrian, Homöopathie, Entspannungsmusik, freiverkäufliche Schlafmittel, ich hab‘ sogar beknackte Mediationen versucht, aber das macht es nur noch schlimmer… Am besten funktioniert immer noch Kiffen. Und Alkohol.“
„Spielen auch andere Drogen eine Rolle in Ihrem Leben?“, frage ich sachlich. Meiner Erfahrung nach hilft es, wenn möglichst wenig Theater um das Thema „Sucht“ gemacht wird. In meinem Sprechzimmer soll kein Platz für Schuldzuweisungen, Vorwürfe oder Vorurteile sein. Hier ist man in erster Linie „Mensch“ – mit oder ohne Sucht. Letzten Endes sind wir alle in irgendeiner Form süchtig. Süchtig nach Perfektion, süchtig nach Anerkennung, süchtig nach Zuwendung. Das einzig Trennende ist die Frage nach der Legalität und der sozialen Akzeptanz.
Nach einem kurzen Zögern folgt die Antwort. „Morgens brauche ich Amphetamine, um so richtig wach zu werden.“
„Wie lange geht das schon so: Marihuana und Alkohol zum Abend und Amphetamine morgens?“
„Das geht sicherlich schon 1-2 Jahre so“, gibt er zu.
Herr Dewin sackt tiefer in seinen Stuhl.
Mein Lob darüber, dass er es gewagt hat, sich zu öffnen, tut er mit einem Schulterzucken ab. Er habe keine Wahl, meint er. Ich könne schließlich meinen Job nur machen, wenn ich auch alle Informationen hätte. Und so sprechen wir miteinander: Über seine Abhängigkeit von illegalen Substanzen, die Konsummenge und über zwei gescheiterte Entzugsbehandlungen…
Wir sprechen 15 Minuten miteinander.
Eine Viertelstunde, die manchmal der erste Schritt in die richtige Richtung sein können.