Mein Patient und ich sitzen uns tags darauf erneut gegenüber. Ich habe ihm einen Folgetermin mitgegeben, damit ich ihn und seine Probleme besser kennenlernen kann. Nur so erfahre ich, wie ich ihm am besten helfen kann.
Wie so häufig starte ich das Gespräch indem ich mich erkundige, wie es ihm nach dem gestrigen Treffen ergangen ist.
Herr Dewin streckt seine langen Beine unter dem Tisch aus. Als er die Füße wieder aufsetzt, beginnt das nervöse Wippen des Beines. Er scheint es nicht zu bemerken.
„Ich war aufgekratzt.“, sagt er. „Aber es tat auch gut, darüber zu reden.“
An den Kopfschmerzen habe sich jedoch nichts geändert.
„Wir sprachen gestern darüber, was Sie alles gegen die Schlafstörungen einsetzen.“, fasse ich kurz zusammen, um dann Fragen zum zeitlichen Verlauf zu klären: „Wissen Sie noch, wann die Schlafstörungen angefangen haben?“ So weit, so gut – so viel Routine.
Doch dann nimmt das Gespräch eine unangenehme Wendung…
Steve Dewin kratzt sich am Kopf und schaut an die Decke.
In diesem Moment sieht er wie eines dieser Models in Werbung für Schlafzimmereinrichtung aus: Verwuschelte hellbraune Haare, die beeindruckend blauen Augen und selbst die Augenringe wirken seltsam charmant an ihm. Wenn er mir jetzt noch mit strahlend weißen Zähnen die Qualität der Matratze nahelegen würde, wäre das Bild wohl perfekt – bis auf die Leere in seinem Blick und die Polytoxikomanie [1], die nicht in das Bild passen.
Himmel, warum ist dieser Mann so schön..?, schießt es mir durch den Kopf.Meine plötzliche Schwärmerei erschreckt mich.
Sofort schießt mir die Röte in die Wangen und ich hoffe, er bemerkt es nicht. Hatte Dr. Falcke letzten Freitag möglicherweise einen wunden Punkt getroffen, einen Punkt, den ich mir nicht eingestehen möchte…?
Shit!
Ich fühle mich ertappt, und von meinen eignen Gedanken bloßgestellt. Ja, ich finde ihn sehr attraktiv.
„Manchmal glaube ich, ich verstecke mich hinter meinem guten Aussehen…“ Sein Satz reißt mich aus meinen Gedanken. Schlagartig erstarre ich.
HABE ICH DAS GERADE LAUT GEDACHT??!
Mir rutscht das Herz in die Hose. Er schaut mich eindringlich an.
„Sie sehen überrascht aus.“, stellt er fest und beobachtet mich mit schief gelegtem Kopf aus dem Blau seiner Augen.
Wie ein stummer Fisch klappe ich meinen Mund auf und zu. Mir fehlen die Worte. Wie komme ich da bloß elegant wieder heraus..?
Die Gedanken überschlagen sich: Wie schlimm ist es, wenn man seinen Patienten anziehend findet? Belastet eine Anziehung die Arzt-Patienten-Beziehung? Macht sie eine gute Bindung unmöglich, oder zerstört diese sie vielleicht sogar? Andererseits interagieren wir Menschen auf einer emotionalen Ebene miteinander: Über Sympathie und Antipathie entscheiden wir in Sekunden. Könnte diese Sympathie eine Chance darstellen und als Toröffner für einen authentischen Kontakt fungieren?
In meinem Kopf herrscht ein Kampf zwischen Für und Wider, während mein Magen sich verknotet. Mir ist speiübel vor Scham. Nach einigem Hin und Her entschließe ich mich dazu, ehrlich zu sein – schließlich bin ich auch nur ein Mensch.
„Sie haben Recht: Ich bin überrascht“, setze ich an und würge Magensäure hinunter. „Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen….“
Doch weiter komme ich nicht. Es ist wahr, dass ich Sie sehr interessant finde. Um ehrlich zu sein, finde ich sie sogar äußerst attraktiv. Allerdings muss ich auch klarstellen, dass diese Art der Gefühlsäußerung hier keine Rolle spielen sollte. Falls ich Sie mit meinen Gedanken verletzt haben sollte, tut es mir sehr Leid., wollte ich sagen, doch er unterbricht mich.
„Da müssen Sie sich nicht entschuldigen. Meine letzte Beziehung ist wahrscheinlich daran gescheitert.“
Ich schüttle den Kopf. „Nein, das meine ich nicht. Ich wollte mich bei Ihnen für mein lautes Denken entschuldigen.“
Nun ist es an ihm, mich irritiert anzusehen. „Welches laute Denken?“, hakt er nach.
„Ich meine das, was ich gesagt habe, bevor Sie…naja. Bevor Sie von Ihrem Verstecken hinter ihrem Aussehen gesprochen haben.“, stammle ich. Himmel, wie peinlich!
Die nachfolgende Stille ist mir unangenehm.
„Sie haben nichts gesagt. Sie haben nur dagesessen und mich angeschaut.“ Steve Dewin blinzelt.
Eine Welle der Erleichterung überrollt mich. Glück gehabt!
Dennoch bleibt ein nagender Hauch von Frage übrig: Wie groß ist dieser Einfluss der Anziehung auf unsere Beziehungsdynamik? Trüben meine Gedanken meine Wahrnehmung und beeinflussen mein Urteil..?
„Wie kommen Sie darauf, dass Sie sich verstecken? Und warum glauben Sie, dass dieses Verstecken in Ihrer ehemaligen Beziehung eine Rolle gespielt hat?
„Das sagte meine Ex, als sie auszog: Das Einzige, was du kannst, ist gut aussehen! Du bist eine leere Hülle. Keiner kommt an dich ran. Und dann hat sie mich sitzen lassen.“
„Das sind ganz schön harte Worte…“
„Ja. Aber sie hatte auch Recht damit. Oder hat Recht. Ich habe lange darüber nachgedacht, wie sehr sie mit diesen Sätzen den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Ich hab‘ das Gefühl, ich muss mich verstecken.“ Er wischt sich aggressiv mit dem Handrücken über die Augenlider. „Boah, ich wollte hier nicht heulen..!“ Doch relativ schnell schluckt er die Tränen herunter und spricht weiter: „Sie war die Liebe meines Lebens. Hat mich einfach so durchschaut und ist dann abgehauen…“
„Das muss sehr hart für Sie sein. Da ist es vollkommen nachvollziehbar, wenn Sie traurig sind oder wütend.“, stimme ich ihm sanft zu. „Die Worte scheinen auch viel in Ihnen bewegt zu haben. Was genau möchten Sie verstecken? Was ist es, was andere nicht sehen dürfen?“
Steve Dewin seufzt tief. Das Wippen seines Beines verstärkt sich. „In mir sitzt ein Monster, dass mir immer wieder klar macht, was für ein schrecklicher, abstoßender und widerlicher Mensch ich bin. Ich bin wütend und ich habe Angst. Ich habe Angst vor der Wut und Wut über die Angst. Beide fressen sich gegenseitig und fressen mich damit auf, bis ich allein gelassen in der Hölle stehe.“ Er schaut gedankenverloren aus dem Fenster. Draußen fliegt ein Vogel vorbei, der Schatten huscht durch das Zimmer.
„Wow“, sage ich beeindruckt. „Sie haben sich die Worte ihrer Ex wirklich zu Herzen genommen.“
Steve Dewin nickt stumm. „Ich habe seitenlange Briefe geschrieben, um meine Ex zurückzugewinnen. Wissen Sie, was sie gesagt hat, nachdem sie sie gelesen hatte??“
Ich zucke mit den Schultern.
„Such dir einen Therapeuten, mit dem du reden kannst.“
Ich frage ihn, ob es jemanden gäbe, der ihn von professioneller Seite begleiten könnte. Einen Therapeuten oder eine Therapeutin, die er sich gesucht habe.
Während seines stationären Drogenentzuges hätte es wohl eine gute Therapeutin gegeben, zu der er einen Draht hatte. Aber bevor beide an die wirklich wichtigen Themen gehen konnten, war der Entzug vorbei. Die Zeit rannte ihm weg. Als die Therapeutin ihm zur Entlassung nahelegte, sich ambulant um eine weiterführende Psychotherapie zu bemühen, war er motiviert und auch zuversichtlich.
Aber wie so oft scheiterte es an den langen Wartezeiten der niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen [2] – und irgendwann am Frust.
***
Die Landschaft zieht am Busfenster vorbei. Dicke Wolken kündigen Regen an.
Ich stecke mir meine In-Ear-Kopfhörer ins Ohr und lasse bei den Imagine Dragons die Sprechstunde Revue passieren. Was für ein verrückter Tag!
Zuerst der Hausbesuch bei Frau Rieselfeld, die nun zunehmend verwirrt nachts Kinderlieder singt und das Haus verlassen möchte um einzukaufen, dann Herr Hell, der wegen seiner schweren COPD mit Luftnot ins Krankenhaus musste und zu guter Letzt Herr Dewin, der mich mit seiner Selbstreflexion und dem, was er nachfolgend erzählte, überraschte:
Die Schlafstörungen begannen ein paar Monate nach seiner Rückkehr aus Afghanistan, erzählt er. Wir kehren zur eigentlichen Frage zurück.
„Was macht ein Heilerziehungspfleger in Afghanistan?“, frage ich.
„Damals war ich noch kein Heilerziehungspfleger.“ Seine Schultern fallen nach vorn.
Dann, nach einem kurzen Augenblick des Innehaltens, beginnt er emotionslos zu erzählen.
Nach dem Abitur wusste er nicht, was er mit sich anfangen sollte und habe sich bei der Bundeswehr gemeldet. Sein Notenschnitt sei nicht überragend gewesen. Die Aussicht auf gute Bezahlung und die Option zum Studium hätten ihn gereizt. Also bewarb er sich in der Offizierslaufbahn und studierte Logistikwirtschaft. Doch dann änderte sich alles: Das politische Geschehen machte plötzlich einen Einsatz in einem Krisengebiet nötig und so wurde er für einige Monate nach Afghanistan geschickt. 2011 kehrte er wieder und konnte den Rest seines Dienstes in der Logistik eingesetzt werden. 2015 erfolgte die reguläre Dienstentlassung und er zog in eine Wohnung in Berlin. Nach einigen Monaten begannen die besagten Schlafstörungen, er wurde zunehmend gereizt und aggressiv. Seine damalige Freundin trennte sich von ihm, was die Situation für ihn noch verschlimmerte. Plötzlich war niemand mehr zum Reden da. Wen sollte er nachts anrufen, wenn es ihm schlecht ging? Er zog um die Häuser, versuchte die Nacht totzuschlagen und machte erste Kontakte mit Drogen. Dieser kurze Moment, wenn der Rausch einsetzt und die Welt in tauben Schleiern erstickt wird, waren für ihn erlösend. Dennoch war ihm bewusst, dass es ein Fehler war, zu konsumieren. Er beschloss, sich zu ändern. Wollte sein Leben wieder in den Griff bekommen.
Es folgte der erste Entzug und eine Entwöhnung. Anschießend begann er seine Ausbildung zum Heilerziehungspfleger. Im Ausbildungsstress wurde er rückfällig, fühlte sich durch die Prüfungen unter Druck gesetzt – die alten Muster hatten ihn eingeholt.
Er wisse nicht, wie er es dennoch geschafft habe, die Ausbildung zu beenden. Seine Eltern hätten ihn zu der Zeit sehr unterstützt und ihn wieder bei sich zuhause aufgenommen. Sie wüssten nur von der Alkoholabhängigkeit und hätten ihm einen erneuten Termin zum Entzug organisiert. Es ging ihm gut, er hatte wieder eine Beziehung und wollte mit seiner neuen Freundin zusammenziehen. Als er herausfand, dass sie ihn betrog, war der Weg zurück zu den Drogen leicht. Er schaffte es nur 6 Monate lang clean bleiben. Nun sei er 2017 nach Bernau gezogen, habe hier eine Anstellung gefunden und versuche irgendwie über die Runden zu kommen.
Die ganze Zeit über höre ich ihm zu, lasse die Worte einfach aus ihm herausfließen. Manchmal nicke ich, oder drücke mein Verständnis aus.
Jetzt ist es, als sei alle Luft aus ihm gewichen, als wäre die Kraft verdampft.
Eine kleine Weile lang sitzen wir schweigend beisammen.
„Wann haben die Kopfschmerzen eingesetzt?“, greife ich das Gespräch wieder auf.
„Seit der Krieg begonnen hat.“, stößt Herr Dewin gequält hervor. Danach bricht er endgültig in sich zusammen.
„Der Krieg im Kopf ist zurück.“
[1] Abhängigkeit von mehreren (illegalen) Substanzen.
[2] Was kein Vorwurf sein soll. Es gibt einfach deutlich zu wenig Angebot für den bestehenden Bedarf…