Die Mittagsonne brennt erbarmungslos auf die Sandstraßen. Seit Wochen hat es nicht geregnet. Der Boden ist aufgesprungen wie raue Haut, blassgelbe Grashalme liegen plattgetreten am Boden. Es ist staubig und heiß, jede Bewegung fällt schwer, selbst Atmen ist anstrengend.
Meine Klamotten kleben an meinem Körper und Schweiß rinnt mir aus jeder Pore. Eine Tatsache, an die ich mich genauso wenig gewöhnen kann wie an den permanenten Gestank von verbranntem Kautschuk und Eseldung.
Wir versuchen uns im Schatten aufzuhalten. Ein Ding der Unmöglichkeit, denn die dauerhafte Hitze versengt die Vegetation und Bäume sieht man kaum – alles wird zum Heizen abgeholzt. Was hier wächst ist klein und widerstandsfähig. Wo wir beim Thema wären: Aus dem Augenwinkel sehe ich eine riesige Kamelspinne zwischen den Steinen verschwinden. Mich schaudert‘s. Erst letzte Woche hat mich so ein Biest in den rechten kleinen Zeh gebissen, als ich in mein Bett krabbeln wollte.
„Sie töten nicht“, sagte man mir. „Aber es tut schon ordentlich weh.“
Eine Untertreibung. Das können Sie mir glauben.
Was mir außerdem noch verschwiegen wurde: Diese kuchentellergroßen Mistviecher können abartig schnell rennen. Mittlerweile weiß ich:
Sie bleiben in deinem Schatten. Egal, wie schnell sie sind: Sei schneller!

Mit jedem Schritt werde ich an diese schmerzhafte Begegnung erinnert. Humpelnd laufe ich zu unserem Wagen, wo meine Kameraden bereits auf mich warten. Alle tragen sie ihre Uniform, Schutzwesten und Sonnenbrillen. Einige haben ihren Helm abgesetzt, andere trinken einen Schluck Wasser.
„Ah, unser Veteran ist endlich da!“, feixt jemand in meine Richtung und ich sehe, wie ein Kamerad auf meinen Fuß zeigt.
Dann verstummen alle und wie auf Kommando steigen wir in den ATF Dingo.

Mit einem Ruck setzt sich der Wagen in Bewegung. Meine Schultern stoßen an meinen Nebenmann. Er kaut Kaugummi und schmatzt dabei.
Wüste, nichts als kahle Ödnis um uns herum, als wir das Camp Marmal verlassen. In der Ferne leuchtet das Marmalgebirge mit schneebedeckten Gipfeln. Sobald auch nur ein Tropfen Regen die Erde berührt, wird das Grün wieder lebendig. Aber bis dahin werden wir uns wohl noch gedulden müssen.
Über Sandstraßen fahren wir nach Masar-e-Sharif. Wir sollen Lapislazuli einkaufen, Befehl von oben. Mehr wissen wir nicht und brauchen wir auch nicht zu wissen. Befehl ist Befehl.

Aneinander gedrückt fahren wir schwitzend in die Stadt hinein. Die blaue Moschee gehört zu den schönsten Gebäuden, die ich jemals im Leben gesehen habe.
Der Fahrer hält in einer Seitengasse in der Nähe des Marktes und wir steigen aus.
Gerüche von Kardamom, Kreuzkümmel und Koriander umwehen die Stoffzelte, unter denen auf Tischen die verschiedenen Waren feilgeboten werden: Bunte Stoffe, Gewürze, Halbedelsteine, teilweise auch Elektronik hinter Glaskästen.
Ein Offizier winkt mich mit zwei Fingern zu sich und deutet auf einen Laden mit blaugrünem Lapislazuli in der Auslage.

Ich bin zwei Schritte von ihm entfernt, als die Hölle losbricht.

Das gleißende Licht macht mich blind. Die Detonation reißt mir den Boden weg. Wo ist oben, wo ist unten? Kurzzeitig bin ich orientierungslos und völlig taub, die Explosion hat mir jeden Sinn geraubt.


Das ist ein Anschlag! Ich bin mitten in einem Anschlag!
Durch meine Adern pumpt blanke Panik.

Jemand zieht an meinem Ärmel, schubst mich zurück zum Dingo. Ich stolpere über meine eigenen Füße und renne um mein Leben. Atemlos springe ich in das Fahrzeug. Fast zeitgleich setzt der Wagen zurück, es ruckelt und stockt. Wir haben eine Häuserwand gerammt. Um uns herrscht Chaos, die Menschen rennen schreiend durcheinander, einige versuchen sich an unserem Dingo festzuhalten.
Unser Fahrer zerrt wie wahnsinnig am Schaltknüppel, jagt einen Gang nach dem nächsten durch.
Wir rasen die Straße hinunter, weichen den Menschen aus, die wie wild durch die Straßen laufen.

Der Blick in den Seitenspiegel lässt mir das Blut gefrieren.
Das, was wir gerammt haben, war keine Häuserwand. Es war ein kleines Mädchen. Sie liegt widernatürlich auf dem Boden, das geblümte Kleid ist hochgerutscht, das dunkle Haar umfließt sie wie Blut.


Mit einem Schrei werde ich wach, mein Herz rast. Heiße Tränen tropfen auf meine Bettdecke.
„Schatz? Ist alles in Ordnung..?“, fragt mein Mann und legt mir eine Hand an den Rücken. Ich kann nicht sprechen. Mein Mund ist staubtrocken, die Zunge klebt am Gaumen.
Hemmungslos schluchze ich weiter, finde keine Worte, um das zu erklären, was ich da gerade geträumt habe…
Der warme Körper meines Mannes umarmt mich und drückt mich an seine Brust. Seine beruhigende Nähe lässt mich langsam wieder im Hier und Jetzt ankommen. Wie unendlich dankbar ich ihm dafür bin…!

Eine Stunde später liege ich immer noch wach, während mein Mann wieder eingeschlafen ist. Jedes Mal, wenn ich die Augen schließe, kommen die schrecklichen Bilder wieder. Jene Bilder, die Steve Dewin albtraumhaft verfolgen – und die er nun an mich weitergegeben hat.

Was Flashbacks bedeuten, welche Qual sie darstellen und wie sie einen Menschen jedes Mal erneut in einen Zustand der hilflosen Panik versetzen, ist schwer begreiflich zu machen. Wieder und immer wieder wird ein und derselbe Moment durchlebt, und der biochemische Cocktail der Angst ausgeschüttet. Die Reflexzone der Angst verbreitert sich: Irgendwann reicht ein knallender Korken, um die gleiche Reaktion hervorzurufen wie eine Explosion auf einem afghanischen Markt – selbst wenn es sich damals um einen explodierenden Gaskessel handelte und nicht um einen Anschlag. Was kümmert es die Angst..?

Es fällt mir schwer, wieder in den Schlaf zu finden. Wie schwer muss es Herrn Dewin dann erst fallen? Sein Bedürfnis, diese Panik zu umgehen, sie in irgendeiner Form zu betäuben oder abzumildern ist für mich vollkommen nachvollziehbar. Für ihn war niemand da, niemand zum Reden und Festhalten. Mit wem spricht man über solche Dinge?

Herr Dewin wollte niemandem zur Last fallen. Aus Sorge, das Trauma damit weiterzugeben, hat er es für sich behalten – und Nacht um Nacht in den Drogen ertränkt.
„Verstehen Sie jetzt, warum ich so ein schrecklicher Mensch bin?“, sagte er. Ob es als rhetorische Frage gemeint war?
Meine Antwort lautete, dass ich keinen schrecklichen Menschen erkennen könne. Einen einsamen Menschen vielleicht. Oder einen traurigen, wütenden, traumatisierten Menschen. Aber sicher keinen schrecklichen Menschen.


Anmerkung: Geschichten sind bei weitem nicht so schnell erdacht wie gelesen. Hinter dieser Geschichte stehen zwei großartige Menschen, die mich mit ihren Schilderungen inspirierten: Danke an Tobi und Katja, die mir bei Fragen zur Seite standen und der Erzählung erst die Authentizität verliehen haben. Mein Dank gilt außerdem meiner besseren Hälfte, die fleißig Korrektur las und Anmerkungen machte. Durch dich wurde der Text erst gut!

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