Going straight to hell.
Hausbesuche bei Manfred Hell gehören nicht unbedingt zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, aber was muss, das muss.
Glücklicherweise wohnt Herr Hell zwei Querstraßen von der Praxis entfernt, sodass ich laufen kann. Und so wuchte ich die Hausbesuchstasche über meine Schulter und mache mich auf den Weg.
Es ist später Winter. Draußen fegt ein eisiger Wind zwischen den Häuserschluchten der Plattenbauten. Auch die strahlende Sonne vermag es nicht zu verhindern, dass meine Zähne klappern.
Mit kalten Fingern drücke ich das etwas verblasste Klingelschild und ein Summen öffnet mir die Tür zum Treppenhaus. Sofort wird es wärmer und der Geruch von Kohlsuppe und Scheuermilch dringt durch meine FFP2-Maske.
Ich nehme die Treppe in den zweiten Stock.
Herr Hell öffnet mir keuchend die Tür, zwischen den nikotingelben Fingern klemmt eine angezündete Zigarette. Er trägt ein fadenscheiniges, gräulich meliertes Feinrippunterhemd und sackartige Nylonsporthosen in neongrün.
„Lassen Sie die Schuhe ruhig an“, sagt er, dreht sich um und schlurft breitbasig ohne weitere Begrüßung in das Wohnzimmer. Dort lässt er sich stöhnend in einen Sessel fallen, der bereits bessere Zeiten gesehen hat. An der Lehne kleben Katzenhaare.
Normalerweise ziehe ich meine Schuhe beim Hausbesuch aus. Hier nicht.
Trotz meiner Maske ist der Gestank in dieser Wohnung fast nicht auszuhalten: kaltes Nikotin, fischiger Urin und irgendein süßlich-fauliger Unterton. Es ist widerlich.
Mein Trick sind kleine, kurze Atemzüge, bis ich mich an diese olfaktorische Kakophonie halbwegs gewöhnt habe.
Der Weg ins Wohnzimmer führt durch einen schmalen Flur an der Küche vorbei. Ich höre lautes Fliegensummen. In der Küche stapelt sich altes Geschirr neben braunem Obst. Durch das Küchenfenster bricht sich das Sonnenlicht im Zigarettenrauch. Auf dem Boden steht ein Mülleimer, der so voll ist, dass er überquillt. Die Plastikschachteln des Mikrowellenessens liegen auf dem Boden verteilt. In einer dunklen Nische sehe ich etwas huschen und schaue schnell weg. Ich will es gar nicht genauer wissen…
Das Wohnzimmer ist in dichten Rauch gehüllt. Herr Hell hustet und spuckt das Sputum in einen kleinen Eimer neben seinem Sessel. Es scheint ein schlechter Tag zu sein, der Boden des Eimers ist bereits mit einer fingerdicken Schicht Bronchialsekret gefüllt.
Er leidet unter einer COPD, einer chronischen Entzündung der Atemwege. Zwei Schachteln Zigaretten landen jeden Tag im Aschenbecher, unzählige Schadstoffe, die in seinen Lungenbläschen die Zellen abtöten und dicken Schleim produzieren lassen. Der Körper versucht sich zu reinigen, aber scheitert am Qualm. Und so hustet Herr Hell bis zur Ohnmacht, nur um sich danach gleich die nächste Zigarette anzuzünden. Jeder Versuch einer Abstinenz scheitert kläglich.
Doch heute geht es nicht um seinen chronischen Husten, sondern um die offenen Beine. Ein weiteres Problem, dass dem Nikotin geschuldet ist: die Schaufensterkrankheit.
Durch Verkalkung der Blutgefäße im Bein wird die Muskulatur nicht mehr ausreichend versorgt. Resultat der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit, kurz pAVK, sind Schmerzen beim Gehen. Zuerst bei längeren Strecken, dann jedoch zunehmend auch bei kurzen Wegen. Anhalten oder Hinsetzen erleichtert den Schmerz – daher der Begriff „Schaufensterkrankheit“.
Je schlechter die Durchblutung der Beine, desto mehr leiden auch die Nerven und die Haut. Kleine Wunden heilen schlecht, chronifizieren und entzünden sich. So auch bei Manfred Hell.
Durch pAVK und COPD ist es für ihn kaum noch machbar, zu uns in die Praxis zu kommen. Für ihn ist der Weg in die Praxis nicht zu schaffen.
Als heute Morgen der Anruf kam, sein eines Bein sähe „komisch aus“, war klar, dass wir ihn besuchen müssen.
„Na dann zeigen Sie mal her“, fordere ich ihn auf und stelle meine Hausbesuchstasche ab.
Herr Hell krempelt seinen Jogginganzug am linken Bein hoch, schiebt die krustige Socke bis zur Ferse und legt den Fuß auf einen Plastikhocker. Der Verband wurde gestern von einer ambulanten Wundschwester erneuert, aber schon jetzt hat sich die Kompresse mir gelblich-bräunlicher Flüssigkeit vollgesogen.
Ich ziehe Handschuhe an und löse das Pflaster ab. Darunter sieht die Wunde aus wie immer, wenn nicht sogar besser?
„Aber das sieht doch eigentlich ganz gut aus“, meine ich verwirrt.
„Deshalb hab ich…“ Herr Hell unterbricht seinen Satz und ringt einen Moment lang um Atem. „Deshalb hab‘ ich Sie nich‘ gerufen.“
Herr Hell zieht sich seine zwei Paar Wollsocken aus, das Garn ist von Blut und Wundsekret schon teilweise starr. Aus den Socken rieseln dicke Schuppen trockener Haut auf den falschen Perserteppich.
„Der sah gestern noch nich‘ so aus…“ Herr Hell winkt mit der Zigarette in Richtung der Zehen. Mein Blick klebt an dem zweiten Zeh des linken Fußes, der vollkommen schwarz ist.
Ohnein, denke ich. Das ist nicht gut.
Kurz, ganz kurz, wäge ich meine Optionen ab: Ambulante Versorgung versus stationäre Einweisung. Obwohl: Wenn ich ehrlich bin, muss ich nicht abwägen. Es gibt keine ambulante Möglichkeit (außer man möchte warten, dass er schwarze Zeh abfällt…Kann man machen. Muss man aber nicht.).
„Herr Hell, ich befürchte, damit müssen Sie ins Krankenhaus.“ Ich verbinde die chronische Wunde am Unterschenkel und ziehe mit einem Schnappen die Handschuhe aus.
Herr Hell atmet pfeifend ein und knarzend wie ein altes Holz wieder aus. Dann schüttelt er den Kopf.
„Können Sie da nich‘ einfach ein Pflaster draufkleben oder so?“
„Ein Pflaster wird da nicht helfen“, meine ich etwas sarkastisch. „Der Zeh muss ab.“
Der Schock wirkt. Die Zigarette fällt ihm aus der Hand – und direkt in den Sputum-Eimer.
Ich rufe einen Krankentransport und kündige meinen Patienten bei den hoch erfreuten Chirurgen im Krankenhaus an. Der Kollege versucht noch kurz am Telefon den Patienten abzulehnen, knickt aber ein, als ich ihm erkläre, dass es Freitag um 12 Uhr keinen chirurgischen Kollegen mehr gibt, der ambulant ein trockenes Gangrän versorgen würde. Er grummelt und legt auf. Auch ihm ist klar, dass ein weiterer Gefäßverschluss drohen könnte.
Herr Hell packt aschfahl seine Tasche. Der Gedanke, einen Zeh zu verlieren, schmeckt ihm nicht – was nichts am Geschmack der Zigaretten ändern wird.
Vertrauen Sie mir: 30 min nach der OP sitzt dieser Patient wieder draußen vor dem Krankenhaus, hält die frische Wunde in die kalte Luft und zündet sich die nächste Giftration an…
Es ist immer kurz vor 12, denke ich, als ich zur Praxis zurückgehe. Immer kurz vor 12.