Montagmorgen. Saharasand verzaubert den Morgenhimmel und taucht ihn in hunderte Schattierungen von Magenta. Ich stehe am Fenster und beobachte einige Augenblicke lang dieses imposante Schauspiel. Wie schön die Natur doch ist! Jedes Mal aufs Neue bin ich überwältigt – und dann fällt es mir schwer, zu glauben, dass wir alle nur ein Produkt des reinen Zufalls sein sollen.

Doch dann holt mich der Alltag ein. Und während tiefrote Wolkentürme an der orangen Sonnenscheibe vorbeiziehen, stehe ich unter der Dusche, um meinen Tag zu beginnen.

Oh, der ist neu, denke ich und schiebe mit den Zehen einen Playmobil-Ritterhelm zur Seite. Das Wasser prasselt auf meinen Kopf und ich muss plötzlich an den Witz denken, warum Lego Lernspielzeug ist.
Einmal nachts draufgetreten und Zack!, kannste Ballett!
Grinsend wasche ich mir den Schaum aus den Haaren.

Unterdessen werden auch die kleinen Monster wach und tapsen ins Badezimmer. Jeder Tag folgt einer gewissen Routine, einem Tanz, dessen Choreografie sich über die Wochen eingeschliffen hat. Und so folgt ein Schritt dem nächsten, eine Drehung nach der anderen.

Irgendwann haben mein Mann und ich beide Kinder kitafertig bekommen, sie vom Trödeln und Quatschmachen am Küchentisch abgehalten und in ihre Schuhe bugsiert. Nach dem üblichen „Ich will erster sein!“ und „ich will noch mein Kuscheltier mitnehmen!“ brechen wir auf, mein Mann auf dem Rad, die Kinder und ich im Auto. Und so geht der Tanz weiter: Kinder im Auto anschnallen, zur Kita fahren, dort abgeben –  dann kurzes Durchatmen auf dem Weg zurück zum Wagen. 10 Sekunden. Fast wie Urlaub.
Ich reihe mich in die Blechkolonne der arbeitenden Bevölkerung ein. Wir schieben uns von Ampel zu Ampel, bis ich links abbiegen und mir einen Parkplatz suchen kann. Im Radio trällert Patrick Kelly „Throwback“ und ich summe mit.
Auf Arbeit angekommen ziehe ich mir meine weiße Arbeitskleidung an und hole mir als erste Amtshandlung einen Kaffee.

Doch so ruhig wie der Tag gestartet ist, bleibt er nicht. Plötzlich kommt die bekannte Busladung an, der Warteraum füllt sich. Wir haben gut zu tun.
Nachdem ich eine junge Frau mit Verdacht auf Lungenarterienembolie an den Rettungsdienst übergeben habe, rufe ich mir die nächste Patientin auf.

Viel weiß ich nicht über sie, nur das, was die Akte mir verrät: 16 Jahre alt, Bauchschmerzen, heute als Akutpatientin bei uns.
Sabrina Meche ist klein, schmal, blond und in Begleitung eines jungen Herrn, der mir sehr bekannt vorkommt. Innerlich seufze ich auf.
„Darf ich mit rein?“, fragt Justin-Jason Grimnitz und zieht sich die Mütze vom Kopf. Beide halten Händchen. Irgendwie niedlich.
Mit der Hand biete ich beiden einen Sitzplatz an und erkundige mich, warum sie heute in meine Sprechstunde gekommen sind.
„Sabrina hat seit gestern Abend Bauchschmerzen. Wir haben Angst, es könnte der Blinddarm sein.“, erklärt Justin-Jason und streicht mit den Fingern über die weißen Handknöchel seiner Freundin. Ihre Haut ist so hell, dass sie fast durchscheinend wirkt. Mit der freien Hand hält sie sich den Bauch.
„Fieber? Durchfall oder Erbrechen?“, frage ich. Sie schüttelt den Kopf. Ein zartes, stilles Wesen.
Nach und nach erfahre ich, dass sie Bauchschmerzen gestern Abend losgingen, wellenartig kommen und gehen und auf der Schmerzskala bei 5/10 liegen. Medikamente habe sie, bis auf eine Tablette Paracetamol heute früh, noch nicht eingenommen.
Ich bitte meine Patientin, sich auf die Untersuchungsliege zu legen und nehme mein Stethoskop vom Tisch.
Sabrina Meche schiebt ihr blassrosa Shirt hoch und präsentiert etwas verschämt ihren Bauch. Am Bauchnabel glitzert ein Piercing. Sie ist so schlank, dass ich ihre Aorta vibrieren sehen kann. Vorsichtig beklopfe ich die Bauchhaut und erkundige mich, ob bereits die leichte Berührung Schmerzen verursacht. Sie schüttelt erneut den Kopf. Justin-Jason steht neben ihr am Kopfende und streichelt ihr durch das weizenblonde Haar.
Reales Drama oder gespieltes Drama?, frage ich mich. Die Sorge wirkt aufrichtig, die Anteilnahme ist echt. Gerade dann, wenn ich die Unsicherheit, die Besorgnis, meiner Patienten spüre, trübt sich meine professionelle Objektivität. So, als würde der Abstand zwischen uns kleiner, als würde man sich annähern.
Das Knifflige jedoch ist: Je getrübter der Blick, desto weniger fundiert die Diagnose.

Daher sammle ich weiter Fakten und Befunde, atme tief ein, und konzentriere mich auf meine Patientin. Mit dem Stethoskop höre ich kurz auf die Darmgeräusche und mache mental einen Haken hinter Peristaltik lebhaft in allen vier Quadranten[1]. Die Nierenlager sind frei, der Leberrand ist weich.
Als ich den rechten Unterbauch abtaste, stöhnt meine Patientin kurz auf. Ich muss zugeben, dass mir das nicht wirklich gefällt; Der McBurney-Punkt[2] ist einer von mehreren klinischen Hinweisen auf eine Blinddarmentzündung. Routiniert teste ich die anderen Punkte: Lanz[3],und den kontralateralen Loslassschmerz[4]jedoch ohne eine weitere Schmerzreaktion.

Differentialdiagnostisch kommen auch andere Erkrankungen des kleinen Beckens in Betracht, zum Beispiel Harnwegsinfekte oder auch gynäkologische Erkrankungen. „Brennt es beim Wasserlassen?“, möchte ich wissen, aber auch das verneint meine Patientin. Als ich nach Dyspareunie frage, dem Schmerz bei Geschlechtsverkehr[5], wird Sabrina Meche knallrot.
„Wann war denn die letzte gynäkologische Kontrolle?“, Frage ich und denke an Zysten, Endometriose,…
„Noch nie“, gibt die junge Frau zu und zieht das Shirt wieder herunter.
Ich schaue sie verwundert an, dann hole ich den kleinen Rollhocker unter der Liege hervor.
Während ich mich auf den Hocker setze, hake ich nach: „Sie waren noch nie bei einem Gynäkologen oder bei einer Gynäkologin?“
„Gab ja noch keinen Grund für“, sagt sie mit dünner Stimme. „Mir tat bisher ja nichts weh.“

Mit dem Zeigefinger schiebe ich meine Brille hoch, was mir einen Moment verschafft, meine Gedanken zu sortieren und meine Worte zu wählen.
„Ich weiß, meine Fragen sind jetzt sehr intim, aber es wird mir helfen, die Situation richtig einzuschätzen“, beginne ich. „Haben Sie beide Geschlechtsverkehr?“
Justin-Jason grinst dümmlich, seine Ohren werden so rot wie der Morgenhimmel. „Jaaa“, sagt er gedehnt.
„Könnten Sie schwanger sein?“ Mein Blick sucht Sabrina Meche, die die Augen aufreißt. „Nein, das geht nicht.“, meint Justin-Jason im Brustton der Überzeugung.

Moment. Das geht nicht??
Mir schwant etwas…
„Wie verhüten Sie beide?“ Meine Frage provoziert Gekicher. Irgendwie scheint der Bauchschmerz kurz vergessen zu sein.
Sabrina hat sich aufgesetzt, streicht ihre Jeans glatt und wirft Justin-Jason einen Blick zu, der alles bedeuten könnte.
„Aber Frau Doktor,…“, setzt der junge Mann an und bricht dann seinen Satz ab. Die Röte breitet sich nun auch auf seinen Wangen aus, was sein Gesicht fleckig aussehen lässt. Die Akne beginnt, Spuren zu hinterlassen.
„Butter bei die Fische“, fordere ich ihn auf, schaue aber auch Frau Meche in die Augen, „wie verhüten Sie? Mit Kondom?“
Plötzlich platzt es aus Sabrina heraus: „Weiß doch jeder, dass man nicht schwanger werden kann, wenn man es von hinten macht!“.

Himmel hilf…
Es sprudelt nur so aus ihr heraus. „Das steht doch überall online, und überhaupt, meine Cousine schwört darauf..!“
„Bei aller Liebe: Diese Aussage ist vollkommener Schwachsinn. Zur Befruchtung reicht ein einziges Spermium – und dann ist es egal, wie es zum Ei kommt.“, erkläre ich ruhig und verkneife mir die zynische Frage, wie viele Kinder die besagte Cousine bereits hat. „Wann war Ihre letzte Regelblutung?“
Frau Meche wird aschfahl, als ihr etwas dämmert. Sie schluckt hart. Sie sei eine Woche überfällig. Aber da habe sie sich nichts bei gedacht!
Auch bei Justin-Jason ist die Röte schlagartig gewichen. Beide schauen sich betreten an.
„Aber Frau Doktor… das geht doch nicht. Oder? Sabrina kann nicht schwanger sein..!“
Mir war bewusst, dass das Bildungssystem marode ist. Aber so marode, dass niemand mehr über Verhütung Bescheid weiß?

Ich nehme ihr Blut ab, messe Blutdruck und Puls und kläre währenddessen über sexuell übertragbare Erkrankungen auf. Chlamydien, Syphilis, HPV und HIV,… Ja, ich male diese Krankheiten in den buntesten Farben, und kröne meinen Vortrag mit der Bitte um eine Urinprobe.
Sabrina geht zur Toilette, Justin-Jason kratzt sich am Kopf und tigert auf und ab. Ich kann förmlich spüren, wie er nachdenkt. Ich habe mich wieder hinter meinen Schreibtisch gesetzt und tippe den Befund in Sabrinas Akte.
„Sie sehen aus, als hätten Sie eine Frage…“ Kurz unterbreche ich meine Dokumentation und schaue ihn an.
Er nimmt auf einem der beiden Stühle Platz und beugt sich vor. „Kann sie wirklich schwanger sein…?“, flüstert er.
In seinen Augen lese ich Panik, sein Atem geht schnell und stoßweise. Mein Schweigen beantwortet seine Frage.
„Shit!“

Für ihn muss es sich anfühlen als würde seine Realität platzen, wie eine Seifenblase.
Die „Wahrheit“ – unsere ureigene Wahrheit, in der wir leben -, ist manchmal weitaus weniger wahr, weniger greifbar, reproduzierbar und solide, als wir es glauben mögen.
Die einzige Wahrheit ist wohl, dass wir unsere eigene Realität jeden Tag neu erschaffen. Und das „Wahrheit“ und „Realität“ Dinge sind, die jeder Mensch individuell erlebt.
Wir glauben Dinge, wir misstrauen Dingen – wir machen unsere Erfahrungen und lernen daraus.
Das hier ist eine von Justin-Jasons Erfahrungen, eine von seinen Scheidemomenten, wo er etwas über sich selbst lernen kann.
Ja, es war dumm, diesem Irrglauben über Verhütung aufzusitzen. Aber wer von uns hat nicht mit 17 Jahren irgendeine ähnliche Dummheit geglaubt? Wer hielt sich nicht für unverwundbar, erwachsen und machtvoll..?
Dieser jugendliche Leichtsinn wird einer Prüfung unterzogen – und fällt durch.

Ich halte nicht viel davon, falsche Versprechungen zu machen. Von Beschönigungen halte ich ebenso wenig. Jedoch glaube ich auch, dass ein wenig optimistischer Realismus hilfreich sein kann.
Daher sage ich sanft und beruhigend: „Warten wir erst einmal die Ergebnisse ab, in Ordnung?“
Sein Atem beruhigt sich etwas.

Sabrina kommt zurück ins Sprechzimmer. Sie geht nach vorne gebeugt und hält sich wieder den Bauch. Im Urin-Schnelltest zeigen sich keine Hinweise für eine Blasenentzündung. Zumindest dahingehend Entwarnung. Das restliche Labor habe ich erst morgen früh.


Ich schreibe eine Überweisung und bitte Frau Meche darum, sich heute noch beim Gynäkologen vorzustellen. Nicht nur wegen der Bauchschmerzen, sondern auch, damit sie sich Gedanken darüber machen können, wie sie in Zukunft ihr Sexualleben sicher gestalten können. Verhütung ist wichtig. Nicht nur hinsichtlich ungewollter Schwangerschaften, sondern auch zur Vermeidung von sexuell übertragenbaren und teilweise lebensbedrohlichen Erkrankungen.
Syphilis ist auf dem Vormarsch[6]. Das muss nicht sein und darf nicht sein.

Beide verlassen blass und händchenhaltend die Praxis – ich hoffe sehr, dass sie sich meine Worte zu Herzen nehmen.

Meine Gedanken wandern zu Frau Grimnitz. Was das Ganze wohl auch für sie bedeuten könnte…?


[1] Normalbefund.

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/McBurney-Punkt

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Lanz-Punkt

[4] Auch Blumberg-Zeichen: https://de.wikipedia.org/wiki/Blumberg-Zeichen

[5] Ein Hinweis auf eine STD, sexual transmitted diseases,  eine sexuell übertragbare Erkrankung, aber auch Hinwies auf eine vaginale Entzündung anderen Ursprungs.

[6] Rasokat H. (2020). Syphilis 2020 – die Infektionszahlen steigen stetig. gynäkologie + geburtshilfe25(6), 38–45. https://doi.org/10.1007/s15013-020-3175-x

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