Am nächsten Tag werfe ich neugierig einen Blick auf die Laborliste.
Frau Meches Kreatinin ist grenzwertig, vermutlich zu wenig getrunken. Auch der Hämatokrit ist hochnormal.
Leberwerte, Nierenwerte, Entzündungswerte,… alles im normalen Bereich.

Für mich ist dieser Fall unbefriedigend.
Zu viele Variablen, zu wenig fassbare Befunde. Im hausärztlichen Setting sind mir in vielerlei Hinsicht die Hände gebunden. Ich habe keine maximale Versorgung, kein Akutlabor. Die Kooperation mit anderen Fachkollegen funktioniert zwar gut, ist aber teilweise mit längeren Wartezeiten verbunden. Eine schnelle interdisziplinäre Zusammenarbeit, wie man sie aus dem Krankenhaus kennt, ist im ambulanten Bereich zwar wünschenswert, aber realistisch oft nicht umsetzbar.
Meine Aufgabe ist es, die schweren Fälle (rot) von den banalen (grün) zu trennen. Was muss sofort im Krankenhaus behandelt werden und was kann ich weiter beobachten? Wann muss ich mich ans Telefon klemmen und wann darf ich mich entspannt zurücklehnen? Was so einfach klingt, ist teilweise ein Balanceakt.
Krankheiten lesen keine Lehrbücher, heißt es immer so schön. Für mich bedeutet das, dass die schweren Verläufe manchmal nicht von Beginn an zu erkennen sind. Kleine Puzzleteile in Anamnese und Befund entscheiden, ob etwas eher in den grünen oder eher in den roten Bereich fällt. Und ja, manchmal interpretiert man Befunde falsch – denn die medizinische Arbeit lebt von Befunden und deren Interpretation.

Landet man im orangen Bereich, kann man sich die klinische Verlaufskontrolle zu Nutze machen: Patienten nach einer gewissen Zeitspanne zur Therapiekontrolle wieder einbestellen und die Fakten neu sortieren.
Die Reaktionen auf diese Herangehensweise sind verschieden und reichen von Dankbarkeit bis zu Unverständnis – vor allem dann, wenn man „nur wegen einer kurzen Kontrolle“ im Wartezimmer sitzen muss.
Ich verstehe den Unmut. Auch ich sitze manchmal stundenlang beim (Kinder-)Arzt.
Aber medizinische Arbeit ist nicht planbar, Notfälle sind nicht vorauszusehen. Und manchmal entpuppt sich die „Kleinigkeit“ im Sprechzimmer zu einer ausgewachsenen Katastrophe.

Ich nehme einen Löffel meines Müsli und öffne mir die Akte meines nächsten Patienten. Herr Hell ist aus dem Krankenhaus zurück.
Frisch amputiert zur Wundkontrolle.
Er wird von einer Pflegehelferin im Rollstuhl ins Sprechzimmer geschoben. Schon von draußen höre ich ihn mosern und meckern: Über das schlechte Essen im Krankenhaus, die überforderte Pflege und seinen unmöglichen Bettnachbarn, der alle halbe Stunde nach der Bettpfanne klingelte.
Seine Kleidung stinkt nach altem Nikotin. Seine Fingernägel sind dreckig und teilweise abgesplittert.
Ich kontrolliere den Heilungsverlauf, mache eine Fotodokumentation und bestelle ihn kommende Woche zum Fadenzug.
Unmittelbar, nachdem er das Sprechzimmer wieder verlassen hat, reiße ich das Fenster auf.
Der Windhauch kitzelt mich im Nacken und tauscht den Gestank durch verheißungsvollen Frühlingsduft (zugegeben, ich helfe dem Frühlingsduft durch etwas Raumspray nach…).

Ich entferne eine Zecke bei einem vierjährigen Mädchen, das tapfer nicht einmal mit der Wimper zuckt, und verschreibe Antidiabetika, Antihypertensiva und Cholesterinsenker.
Als ich Frau Meches Namen lese, weiß ich nicht, ob ich mich freuen (sie ist nicht im Krankenhaus!) oder weinen soll (ich ahne, sie bleibt bei uns Patientin).
Der Blick in die elektronische Patientenakte zeigt mir einen Rettungsstellenbericht.
Entlassungsdiagnose: Meteorismus und Obstipation. Ja, das passt zu meinem Labor.
Der Bericht ist denkbar knapp: Vorstellung bei persistierenden Unterbauchschmerzen, ambulant Ausschluss einer extrauterinen Gravidität und einer gynäkologischen Infektion. EKG und Labor im Krankenhaus blande, im Untersuchungsbefund tympanitischer Klopfschall des Abdomens. Letzter Stuhlgang vor 2 Tagen.
Empfehlung: Ausreichende Trinkmenge, ballaststoffreiche Kost, Simeticon bei Bedarf.
Fantastisch! Da steht alles drin. Was möchte sie dann heute hier?

Wer fragt, bekommt Antworten. Ich rufe sie aus dem Sprechzimmer auf. Heute kommt sie ohne Begleitung.
Der Eindruck einer geisterhaften Erscheinung verstärkt sich heute. Sie trägt ein graues Top einer bekannten Sportmarke und weiße Leggins. An der Hüfte erkenne ich eine schwarze Bauchtasche. Das strohblonde Haar wirkt matt. Sie ist zwar geschminkt, aber die Augenringe leuchten durch den Concealer.
„Guten Tag Frau Meche. Den Bericht aus der Rettungsstelle habe ich bereits gelesen. Glücklicherweise konnten schwere Erkrankungen ausgeschlossen werden. Das hat mich gefreut zu lesen. Wie geht es Ihnen denn heute?“
„Mir geht es gut, danke. Die Bauchschmerzen waren plötzlich wieder weg.“, sagt sie leise. Ihre Lippen bewegen sich kaum. „Ich komme aber wegen etwas anderem… Hier, das hat meine Gynäkologin mir aufgeschrieben.“ Sabrina Meche muss sich nach hinten beugen, um die Bauchtasche zu öffnen. Sie kramt eine Pillen-Packung hervor und legt sie vor mir auf den Tisch. Der kurze Blick in die Tasche offenbart eine Packung Zigaretten, einen rosa Lipgloss, ein überdimensioniertes Handy in Glitzerhülle und einen 5 €-Schein.
„Die Frau war gestern echt unfreundlich zu mir. Und der Ultraschall tat echt weh… Dann hat sie mir das Rezept in die Hand gedrückt und meinte, meine Schmerzen kämen nicht von der Gebärmutter. Abends hatte ich aber noch mal so starke Schmerzen, da hat mich Annabelle, also die Mutter vom Justin-Jason, ins Krankenhaus gefahren. Da hab‘ ich dann echt lange gesessen, trotz Schmerzen und so! Aber die eine Schwester war echt nett und hat mir hinterher alles erklärt.“ Ihre Stimmt wird noch leiser: „Zuhause musste ich dann auf’s Klo… und hinterher war alles wieder voll in Ordnung.“
Ich nicke zustimmend und blicke auf die Pillenpackung vor mir. Frau Meche springt sofort darauf an. „Ja, genau, deswegen wollte ich Sie was fragen. Da steht drin, man soll nicht rauchen und die Pille nehmen. Stimmt das?“
„Ja, das ist richtig.“, bestätige ich. Sabrina überlegt kurz. „Meine Freundin sagt, davon kann man eine Thrombose bekommen und sterben…“
„Und jetzt haben Sie Angst, Sie sterben, weil Sie die Pille nehmen und rauchen. Verstehe ich das richtig?“, fasse ich zusammen. Ihre Sorge ist nachvollziehbar. Das Risiko ist deutlich erhöht.
„Ja, genau. Ich will noch nicht sterben.“, sagt sie schnell.
„Dann habe ich eine gute Nachricht: Wenn Sie mit dem Rauchen aufhören, dann sinkt auch das Risiko für eine Thrombose.“
Sabrina Meche macht große Augen. „Meinen Sie echt?“ Sie sieht aus, als sei ihr dieser Gedanke noch nicht gekommen.


„Ja, meine ich. Außerdem senkt es das Risiko für Lungenkrebs – ich finde, das sind doch sehr gute Nachrichten. Oder nicht?“. Ich lächle sie aufmunternd an.
Frau Meche steckt die Pille wieder ein, schweigt und nickt dann.
„Darf ich noch eines sagen?“, setze ich an und fange ihren Blick auf. „Verhütung ist nicht nur Frauensache. Sie können auch mit einem Kondom verhüten.“
„Ja, aber Justin sagt, da passt ihm keines von. Das sei voll eng und so…!“
Nicht lachen. Bleib ernst. Konzentrier dich!
Meine Stimme bebt amüsiert, als ich ihr zwinkernd ein Geheimnis verrate: „Die gibt es auch in extra groß!“

Dieser Blick..! Unbezahlbar.

Mein Job manchmal auch.

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