„Das könnten Sie voll vergessen..!“, Steve Dewin knallt die Überweisung zur Psychotherapie auf den Tisch und fällt so schwer auf den Stuhl, dass dieser fast umkippt.

Die Luft ist wie elektrisch aufgeladen. Und auch wenn ich weiß, dass sich seine Aggression nicht auf mich bezieht, spüre ich, dass er kurz vorm Platzen ist. Mir wird plötzlich bewusst, dass er mich um mehr als einen Kopf überragt und mir krafttechnisch deutlich überlegen ist…

Bleib ruhig. Atme.

„Was ist los?“, frage ich und versuche, das Zittern darin möglichst gut zu kaschieren. Vor mir sitzen zwei Meter geballte Kraft. Die Aggression muss irgendwohin – nur bitte nicht zu mir.

Als er seine Hände nach oben reißt, schlagen die Handrücken gegen die Tischunterseite. Das gibt sicherlich einen blauen Fleck, aber es scheint ihn nicht zu interessieren.

„WAS LOS IST?“, donnert er. „Es gibt dort draußen nicht einen beknackten Psychotherapeuten, der mich behandeln will! Entweder erreicht man niemanden am Telefon, oder es geht ein Anrufbeantworter ran. Selbst wenn man eine Nachricht d’rauf hinterlässt: Es ruft doch eh niemand zurück..! Und wissen Sie, was das Schlimmste ist?“
Er spricht weiter, ohne meine Antwort abzuwarten. „Letzte Woche hatte ich sogar ein Erstgespräch…“ Sein Blick bohrt sich in meinen, sein Kiefer ist verkrampft, die Muskeln treten deutlich hervor. Die dramatische Pause lässt den Raum zwischen uns knistern.

Die Worte bleiben mir im Hals stecken. Ich schüttle nur leicht den Kopf.

„Der Psychotherapeut hat mich aus dem Zimmer geschmissen! Er meinte“, brüllt er mir entgegen, während er Anführungszeichen in die Luft malt, „ich solle mich erst einmal um mein Suchtproblem kümmern..! Was soll der Scheiß!?!“ Mit der Faust schlägt er auf den Schreibtisch ein. Mein Computerbildschirm wackelt. Mir wird heiß und kalt. Ich schlucke hart.

„Ich merke, wie sehr Sie das aufregt“, beginne ich, werde aber wüst von Herrn Dewin unterbrochen: „Und wie mich das aufregt! Alle sprechen davon, man soll eine fuck Therapie machen. Lass dir helfen, sagen sie, das wird dir guttun, sagen sie. Aber wo ist denn die kack Hilfe, wenn man sie braucht??!“

Der Stuhl fällt um, als er aufspringt und unruhig auf und ab tigert. „Das ganze System fickt mich! Ich bin am Arsch und keinen interessiert es!!!“ Mit der linken Hand stellt er den Stuhl wieder hin. Statt sich jedoch wieder zu setzen, läuft er weiter vor mir hin und her. Sekunden dehnen sich wie trockener Kaugummi.

Ich setze erneut an: „Das muss ein schreckliches Gefühl sein… es tut mir sehr leid, dass Sie den Eindruck gewinnen, momentan ganz allein zu sein. Ich wäre an Ihrer Stelle auch sehr wütend. Aber auch traurig, weil sich niemand für mich Zeit nehmen will, niemand mein Leid sieht und ich mit all dem Mist allein dastehe… Trifft es das?“

Steve Dewin ist an der rechten Schreibtischseite stehen geblieben. „Nein“, antwortet er scharf. „Das trifft es nicht.“

Scheinbar habe ich seine Gefühlslage nicht wirklich gut getroffen, aber er steht weiterhin und scheint nachzudenken. „Nein, das trifft es überhaupt nicht. Ich bin einfach nur wahnsinnig sauer. Auf die Bundeswehr, den fucking Krieg, über das Mädchen, dass unbedingt da liegen musste… Ich würde am liebsten alles kleinschlagen, irgendjemanden bestrafen wollen.“ Seine Hände ballen Fäuste. Der Bizeps ist gefährlich angespannt.

„Das ist nachvollziehbar“, meine ich und erwidere seinen Blick. Einen Moment lang glaube ich, es gibt einen kleinen Kampf zwischen uns. Darüber, wer zuerst wegsieht. Ist das eine Prüfung? Versucht er zu testen, wie ernst es mir mit ihm ist?
Diese Situation ist gefährlich nahe daran, zu kippen. Die rasende, blinde Wut in Verbindung mit körperlicher Kraft und – viel schlimmer noch – der dazugehörigen Motivation, könnte hier und jetzt die unsichtbare Grenze überschreiten und überkochen.
Mir läuft die eiskalte Gewissheit den Rücken hinunter: Ich hätte keine Chance.

In solchen Momenten folge ich meinem Instinkt, der oftmals die Situation deutlich klarer fassen kann als der reine Faktencheck.
Mein Bauchgefühl sagt mir, dass ich eine Chance habe, ihn wieder zu beruhigen. Dass hinter der Raserei im Grunde Einsamkeit, Verletzung, Angst und Not steht. Dass die Wut hier die Funktion übernimmt, ihn nicht in die trostlose Hölle stürzen zu lassen, die sich unter ihm auftut. Die Aggression gibt ihm Kraft, hält ihn am Handeln, gibt ihm die aktive Rolle. Er kann etwas tun: Sich wehren, angreifen, bestrafen… statt sich dem inneren Dämon zu stellen, seinem grausamen Spiegelbild ins Gesicht blicken zu müssen.

Ich halte dem Blick stand. Auch ich beiße die Kiefer aufeinander.
Ein Drahtseilakt.
Er stellt mich auf die Probe. Und ich bin nicht bereit, aufzugeben.

Seine Augenlider flackern, dann atmet er hörbar aus. Ein Stück Spannung weicht aus ihm, die Fäuste lösen sich – und ich spüre, dass ich die ganze Zeit ebenfalls den Atem angehalten habe.

Herr Dewin geht einen Schritt auf den Stuhl zu und stützt die Hände auf der Lehne ab. Dann beginnt er ganz leicht zu nicken. „Vielleicht haben Sie recht: Ich bin auch traurig. Meine Freundin ist weg, meine Arbeit ist weg, alles ist weg,… und ich habe nichts mehr. Nichts, außer einem Haufen Probleme. Ich bekomme mein Leben nicht mehr gebacken, bin verschuldet und keinen juckt’s.“

Seine Brust hebt und senkt sich.
Draußen zieht der Himmel zu und es wird dunkel im Zimmer.

Einsam. Haltlos. Hilflos. Schießt es mir durch den Kopf.

Treibend, wie ein Stück Holz im stürmischen Meer. Welle für Welle überschlagend. Schäumende Gischt und verschwommene Sicht… Das ist er.

Trostlos. Hoffnungslos. Einsam.

Diese Gefühle sind überwältigend, gewaltig und überlebensgroß. Ich vermag nur zu ahnen, wie es ihm geht. Von Tür zu Tür zu ziehen, zu klopfen, um Hilfe zu beten, zu betteln, zu flehen, und dann auf taube Ohren zu stoßen. Die Tür schließen zu hören, Mal um Mal, raubt jede Kraft, jede Hoffnung. Die flackernde Flamme wird stetig kleiner – und der letzte Funken Hoffnung wird im Wind verweht wie fahle Asche…

„Das ist einfach Kacke“, gebe ich zu und meine es auch so. Ich meine es für ihn, dem ich nicht helfen kann (ich bin keine Therapeutin, ich bin Hausärztin – was maße ich mir hier eigentlich an?). Und ich meine es ebenso für mich. Denn, wenn ich ehrlich bin: Es war auch meine Hoffnung. Meine Hoffnung, ihn anzubinden, zu unterstützen, ihm zu helfen. Und die einzige Möglichkeit, vor meiner eigenen Hilflosigkeit wegzurennen…

Nun sitzen wir beide am Strand und starren wie betäubt auf das Treibholz. Jeder mit seinen eigenen Gründen, jeder mit seinen eigenen Gedanken.

Schweigend setzt er sich wieder und schiebt mit den Fingerspitzen die Überweisung von links nach rechts und von rechts nach links. Große Hände. Starke Hände. Aber nun mit einer ganz sanften Bewegung.

Als ich aus der Praxis trete, laufe ich gegen eine Wand aus schwüler, heißer Luft. Sofort klebt mein Oberteil am Körper. Violette Wolken türmen sich zu einer dunklen und bedrohlichen Wand auf. Es blitzt. Dann rollt der Donner durch den beginnenden Abend. Ich renne zum Auto.

Gerade noch rechtszeitig, bevor der Himmel seine Pforten öffnet und der Regen die Straßen überflutet.

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