Als ich Zuhause ankomme, bin ich nass bis auf die Knochen. Meine Mascara verläuft, hinterlässt dunkle Spuren im Gesicht und meine Schuhe schmatzen beim Laufen. Auch wenn mir der Regen aus den Haaren tropft, ist es weiterhin so heiß, dass ich nicht friere.
Würde die Natur nicht mit voller Dramatik, nachtschwarzem Himmel und zuckenden Blitzen aufwarten, wäre die Situation fast romantisch: Warmer Sommerregen, der die Aufregung des Tages förmlich wegspült…
In meinem Kopf spielen sich die Szenen aus dem Gespräch mit Herrn Dewin noch einmal ab… Seine imposante Gestalt. Die Muskeln bis zum Zerreißen angespannt. Wie ein tollwütiger Hund, die Zähne gefletscht.
Mein verknoteter Magen, die Panik und die Sorge, das Gespräch nicht im Griff haben zu können.
Unsere Ernüchterung, dass das System für Menschen wie ihn keine Lösung bereithält. Das man sich auf weiter Flur immer wieder als Einzelkämpfer wiederfindet. Mein Frust und meine Wut über die Politik, die keine Notwendigkeit für Psychotherapieplätze sieht.
…und letztlich die Farce, dass eine posttraumatische Belastungsstörung nicht behandelt wird, weil zusätzlich eine Suchterkrankung vorliegt…
Mit dem Haustürschlüssel in der Hand, bleibe ich wie eingefroren stehen. Meine Schultern zucken, Tränen schießen mir in die Augen. Auch egal, denke ich, das Makeup ist eh hinüber… Fast schon hemmungslos lasse ich meine Wut, meine Frustration und mein Mitgefühl aus mir heraus. Das Donnergrollen tritt in den Hintergrund, die Blitze sind nur noch ein kurzes Aufleuchten in der Dunkelheit.
Mein Schluchzen schleudert die Gedanken heraus: Was soll das alles? Was soll man da bloß tun? Wer hilft ihm, wer hilft mir? Himmel, wer hilft uns denn nur…?
Und Himmel! Das war knapp… Es war haarscharf an einer Eskalation vorbei. Ich fühlte mich bedroht, auch wenn die Bedrohung nicht mir galt. Kollateralschaden – so nennt man das dann wohl.
Je länger ich weine, mich an die harte Hauswand lehne, mich vom Regen reinwaschen lasse, desto mehr tritt ein anderer, ganz nüchterner, Gedanke hervor: Es gibt keine Lösung für dieses Dilemma.
Wir werden den Konflikten in unserem Leben nicht aus dem Wege gehen können. Wir werden es nicht schaffen, vor unseren Problemen weg zu laufen. Wohin denn auch…? Das Leben findet uns und wird uns die gleichen Fragen immer wieder stellen, bis wir bereit sind, uns ihnen zu stellen und statt Ausreden Lösungen finden.
Wollen wir uns zum Spielball unserer Probleme machen? Wollen wir die passiv-aggressive Rolle behalten, klagend und selbstmitleidig unsere Ängste rezitieren? Es wird keine Lösung kommen – es wird keinen Schuldigen geben. Es sind wir. Nur wir.
Wir sind Lösung und Problem in einem.
Ein Blitz zerreißt den Himmel. Es knallt. Das Gewitter ist über mir und meine Füße sind wie gelähmt.
Die Situation wirkt surreal, ich fühle mich nicht in meinem Körper. Hüllenlos und grenzenlos, als würde Molekül mit Molekül verschmelzen, meine Haut sich in Regen auflösen und in der Erde versinken. Es ist kein schlechtes Gefühl. Eher, als würde ich eine alte Haut abstreifen, sie abgeben, vielleicht sogar zurückgeben. Was übrig bleibt ist formbare, weiche Masse, ohne Kontur.
Ich lassen den Regen über mich laufen. Den Haustürschlüssel halte ich immer noch in der Hand.
Als ich ihn schließlich ins Schloss stecke, habe ich einen Plan gefasst.