„Jetzt spann mich nicht so auf die Folter!“ Meine Kollegin und Freundin Dr. Annemarie Falcke schiebt sich eine Dattel im Speckmantel in den Mund und spricht mit vollem Mund weiter: „Was ist dein ominöser Plan?“

Es ist ein malerischer Sommerabend. Wir sitzen vor unserer Lieblingsbar in der Altstadt, während der Himmel sich langsam rosa verfärbt und die letzten Schwalben hoch über unseren Köpfen fliegen. Ich habe gerade meinen emotionalen Zusammenbruch gebeichtet – schließlich ist Balint-Freitag.

Krankheitsbedingt fiel unsere Sitzung aus und so griffen wir auf Plan B zurück: Cocktails, mexikanisches Essen und über unsere Arbeit sprechen. Oder, um es anders auszudrücken: Balint bei C2.

Der Kellner stellt dampfende Enchiladas und Fajitas vor unsere Nase und mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Himmlisch duftender Dampf zieht in die hereinbrechende Nacht und ich kann nicht anders, als einen kleinen Augenblick lang in kribbeliger Freude zu baden. Auf diesen Abend habe ich mich die ganze Woche lang gefreut: Leckeres Essen in netter Gesellschaft.

Dass wir heute nur zu zweit essen gehen würden, zeichnete sich erst über den späten Vormittag ab. Ich hatte meine Idee in der Balint-WhatsApp-Gruppe vorgestellt. Nach und nach purzelten die Absagen ein: Dr. Schröder-Fuchs fiel urlaubsbedingt aus, Dr. Bär wollte den Abend mit seiner Ehefrau verbringen und Dr. Weber hatte – wie immer – gar nicht erst auf die Anfrage reagiert.

„Also was nun?“, drängelt Annemarie. „Du kannst doch sowas nicht anfangen und jetzt einfach schweigen..!“ Sie löffelt sich Guacamole auf einen Tortilla und wirkt selbst bei dieser Geste unsagbar elegant. Diese Frau ist der Wahnsinn: groß, schlank, intelligent, wunderschön – und glücklicher Dauersingle. Der einzige Mensch, den ich kenne, der ein kleines bisschen an Audrey Hepburn erinnert. Kennen Sie „Frühstück bei Tiffany“? Dann wissen Sie, was ich meine: Diese ungekünstelte, natürliche und charmante Eleganz, die dennoch frisch und jugendlich wirkt – und nichts mit der Queen-Elizabeth-Eleganz gemein hat. Diese Eleganz durchwirkt ihre gesamten Bewegungen, vom Beine-übereinanderschlagen, über Schal-anlegen oder Auf-das-Rad-steigen. Einzig beim Essen verliert sie ihre guten Manieren – wie sie immer sagt: „Ist doch keiner da, den es stört!“.

Ich nehme einen Schluck Mojito und setze meine Geschichte fort. „Was ist das Einzige, was ich ihm anbieten kann?“, frage ich und eine schmatzende Annemarie zuckt die Schultern. „Meine Anteilnahme. Ich glaube, was mich abhält, ihn wirklich zu behandeln, ist meine eigene Angst vor dem Scheitern – ich fühle mich inkompetent und hilflos. Und diese Gefühle bestimmen die Art, wie ich mit meinem Patienten umgehe. Sollte es nicht viel mehr Mitgefühl sein, und weniger Sorge vor dem Versagen? Ich bin keine Psychotherapeutin und ich kann diese Lücke auch nicht füllen. Aber ihn mit einem „na, da kann ich jetzt auch nicht helfen“ abzubügeln, fühlt sich falsch an. Er hat mir jetzt schon so viel Vertrauen entgegengebracht, hat seine Vorgeschichte vor mir ausgebreitet… und da soll ich jetzt die Tür vor der Nase zuschlagen und mich auf die desolate Lage berufen..?“
„Dann überschreitest du aber ganz schön deine Kompetenzen, finde ich.“, meint Dr. Falcke und zieht den rechten Mundwinkel zu einem skeptischen Lächeln hoch. „Nichts gegen deine Ambitionen! Aber da sollte doch eigentlich wirklich ein Fachmann oder eine Fachfrau ran. Oder?“

Ich seufze… irgendwo liegt sie mit ihrem Einwand richtig. Ich überschreite da meine Fähigkeiten. Vielleicht. Ein bisschen. Aber was gibt es zu verlieren – und was wäre zu gewinnen?

„Du würdest also die weitere Behandlung ablehnen?“, frage ich sie und bastle mir einen Wrap aus Salsa, Schmand, scharf angebratenen Paprikaschlitzen und dampfendem Hühnchen.

Meine Freundin nickt. Dann geht das Nicken langsam kreisend in ein unsicheres Kopfschütteln über. „Ich weiß nicht… Aber vermutlich würde ich mich da wirklich nicht so reinknien, wie du das machst.“

Über uns leuchtet der Himmel in den schönsten Abendfarben – frisch und pastellig, als hätte Caspar David Friedrich ihn gemalt. Eine laue Brise weht durch die Backsteinschluchten.
Neben uns pinkelt ein Terrier an eine Parkbank – und ich lasse Annemaries Worte nachwirken.

Plötzlich reißt sie die Augen weit auf und winkt mir vor der Nase herum. Irgendetwas muss hinter mir los sein, werde aber von meiner Kollegin am Umdrehen gehindert. „Nicht!“, zischt sie leise und eindringlich, während sie mit der Hand ihre Augen bedeckt.
„Was ist los?“, flüstere ich und beobachte skeptisch meine sonst so souveräne Freundin.
„Da ist Alexander.“
„Wer?“
Dr. Weber!“, raunt sie nachdrücklich.

Meine Anspannung verfliegt. Insgeheim hatte ich etwas Dramatischeres erwartet als einen mauligen Internisten.
„Dann kann er sich doch zu uns setzen…“ Ich beginne einen Stuhl rechts von mir zu verschieben.
„Nein!“ Flehend legt sie eine Hand auf meine.

„Was, nein?“, fragt ein tiefer Bariton neben uns. Annemarie läuft rot an. „Nein, was für eine tolle Idee!“, versucht sie sich zu retten – aber wir drei wissen, dass dieser Versuch in die Hose gegangen ist.
Dr. Alexander Weber stellt seine Volllederaktentasche auf das Kopfsteinpflaster, öffnet den Knopf seines Blazers und nimmt auf dem Stuhl zwischen Annemarie und mir Platz. Ohne auf uns zu achten, greift er quer über den Tisch nach der Speisekarte und schlägt sie schweigend auf.

Dann schnipst er nach der Bedienung, um seine Bestellung aufzugeben: Ein Glas trockenen Rotweins und überbackene Nachos. Annemarie rollt mit den Augen. Alexander ignoriert sie.
Die Gespräche am Nachbartisch wehen zu unserem schweigenden Ensemble herüber, aus den Lautsprechern dringt mexikanische Partymusik.
„Nun?“, beginnt er ein Gespräch.

„Nun, was?“ höre ich aus meinem Mund. Was für ein seltsamer Kerl
Mit den Händen deutet er an, dass wir weiter essen sollen und zögerlich setzen wir unsere Mahlzeit fort. Über den Tisch tauschen Annemarie und ich Blicke aus. Ein stiller Dialog, bei dem ich ganz genau weiß, dass sie mir vorwirft, ihn hergeholt zu haben. Warum hast du auch die gesamte Gruppe gefragt?, sagt ihr Blick. „Du weißt doch, dass ich niemanden ausschließen mag“, sagt meiner.

Tja, das hast du jetzt davon! Dr. Falcke beißt in ihre Enchiladas, Soße läuft ihr über das Kinn. Mit einer fließenden Handbewegung wischt sie den Soßenfaden auf und fixiert mich süffisant durch ihre Augenschlitze.
„Über was habt ihr euch unterhalten?“, erkundigt sich Dr. Weber und lehnt sich zurück, damit der Kellner die Bestellung vor ihm abstellen kann.
„Über Kollegin Buhl und ihre Ambitionen in der Psychotherapie“, wirft mich meine Freundin zum Fraß vor.
Und wie erwartet kommt es prompt: „Ach, ist die Psychotante wieder am Werk..?“ Er dreht sich nach links, nimmt dabei sogar ein wenig den Stuhl mit und beäugt mich wie einen Marienkäfer unter der Lupe.

Hab ich gesagt seltsam..? Ich korrigiere zu „idiotischer Kerl“!
„Wir dürfen ja wohl alle die psychosomatische Grundversorgung durchführen..!“, rechtfertige ich mich und fühle meinen Puls steigen.

„Solange man das Gehirn nicht ausreichend sonografisch darstellen kann, interessiert mich das nicht.“, winkt unser Kollege ab und nippt am Wein. Seine Miene verzieht sich angewidert und er schiebt den Fuß des Glases mit den Fingerspitzen von sich.
„Ist wohl auch `ne blöde Idee, beim Mexikaner einen Wein zu bestellen“, stichelt meine Freundin.

„Und es ist eine blöde Idee, unseren Patienten die fachlich kompetente Behandlung bei unseren werten Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen vorzuenthalten. Oder etwa nicht?“, kontert Alexander. Als er sieht, dass Annemarie im Grunde seiner Meinung ist, lächelt er selbstgefällig und zeigt seine Zähne.
„Ich enthalte sie ihm nicht vor..! Das ist doch Bullshit! Er hat die Überweisung gar nicht einlösen können, weil es nirgends Termine gibt!“
„Dann weise ihn doch in ein Krankenhaus ein.“, schlägt er vor und ich ahne, dass meine Energie bei ihm vollkommen unsinnig investiert sein würde. Egal, wie sehr ich versuchte, ihm das Dilemma zu erklären, vermutlich würde er seinen Standpunkt nicht einen Mikrometer verändern…

Wider besserer Ahnung versuche ich es dennoch. „Er hat das alles schon durch. Mehrfach. Die Therapien waren nicht zielführend. Wie hoch, meinst du, wird seine Motivation sein, wenn wieder ein Entzug nach hinten losgeht? Wenn wieder ein Krankenhausaufenthalt endet und es an der Nachbetreuung scheitert…? Wenn er wieder vor dem Nichts steht..? Was kann für einen Menschen demotivierender sein, als permanent fallen gelassen zu werden, wie eine heiße Kartoffel?“ Dr. Weber schaut mich irritiert an. „Wenn wir als Ärzte Gesundheit fördern wollen, dann müssen wir integrativ arbeiten, interdisziplinär und vernetzt. Nicht mit Kompetenzgerangel und Zugehörigkeitsdiskussionen.“
„Achso, jetzt verstehe ich. Du bist Idealistin!“ Alexander zeigt mit dem Finger auf mich. Was für ein faszinierendes Insekt ich doch sein muss..!

Annemarie prustet los. Und entschuldigt sich gleich im Anschluss. Jedoch erlischt der amüsierte Glanz in ihren Augen nicht.
Im Grunde könnte ich aufstehen und gehen. Einen winzigen Moment lang, aber nur eine Milisekunde lang, ziehe ich den dramatischen Abgang in Erwägung. Aber tief in mir drin weiß ich, dass sie ein kleines bisschen ins Schwarze treffen: Ich bin idealistisch – und manchmal wie Don Quijote, der gegen Windmühlen kämpft. Er, wie auch ich, kann zwischen Wahrheit und Dichtung, Notwendigkeit und sinnvollen, notwendigen Grenzen nur schwer unterscheiden. Wir ziehen in einen Kampf, der ausweglos erscheint, mit hageren Weggefährten und unnützen Waffen. Meine Begleiter, meine Sancho Panza, sitzen hier vor mir. Sie helfen mir auf, wenn es mir schlecht geht. Sie spiegeln mich, wenn ich mich nicht sehen möchte – und in einigen Fällen, ziehen sie mich durch den schlimmsten Kakao. Immer ann, wenn mir am wenigsten der Sinn danach steht.

Wir alle sind die tragischen Helden unserer eigenen Romane. Doch was wäre Helden ohne ihre Begleiter?

Beide staunen nicht schlecht, als ich schallend zu lachen beginne. Am Nebentisch dreht man sich zu uns um – doch das ist mir egal.
„Ja, du hast recht: Ich bin Idealistin. Na und?“

Derjenige, der Wohlstand verliert, verliert viel; derjenige, der einen Freund verliert, verliert mehr; doch derjenige, der seinen Mut verliert, verliert alles.

Miguel de Cervantes Saavedra

Mein Plan steht, ich bleibe dabei. Ich werde versuchen, die Windmühle zu bezwingen.
Wenn ich dann im Staub liege, übersäht mit blauen Flecken und Schrammen, demotiviert und desillusioniert, dann werden sie wieder da sein; meine Freunde und Begleiter, um mir zurück auf das klapprige Pferd zu helfen.

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