Während Herr Dewin mit gesenktem Kopf auf seine Finger starrt, versuche ich seine Mimik zu lesen.

Mein letzter Satz endete damit, dass ich ihm mein Angebot unterbreitete. Achtsames Zuhören und ein offenes Ohr; Das Einzige, was ich ihm als Hausärztin anbieten kann.

Dewins Gesicht verriet Irritation, dann wanderte sein Blick zu seinen Händen und wir versanken in aufgewühltes Schweigen.


Die letzten Tage und Wochen hatte ich damit zugebracht, über die Büchse der Pandora nachzudenken. Jene kleine Büchse, die wir alle in uns tragen, und die unsere tiefsten Geheimnisse behütet.

Diese Büchse der Pandora [1] ist bei jedem Menschen unterschiedlich groß. Manche haben nur eine kleine Box, gefüllt mit unliebsamen Erinnerungen und möglicherwiese schmerzhaften Erlebnissen. Bei anderen hingegen gleicht die Büchse der Pandora einer Kiste des Grauens. In wenigen Fällen ist sie sogar ein ganzes Zimmer.

Selten wagen wir einen Blick hineinzuwerfen, noch seltener setzen wir uns mit dem Inhalt auseinander. Zu groß ist die Angst vor den schrecklichen Schatten die entweichen könnten und der Betäubung, die uns ohnmächtig in das Verderben laufen lässt…

Ich stellte mir den Inhalt der Büchse wie die Nazgûl aus Tokiens “Herr der Ringe” oder die Dementoren aus “Harry Potter” vor. Nebelschwarze, gesichtslose Wesen, umhüllt von lautlosen Schreien und Todesangst…

Während ich diese düsteren und bedrohlichen Gedanken wälzte, mich fast schon in ihnen suhlte, keimte ein Gedanke in meinem Kopf: “Was ist, wenn ich hier vollkommen unnötiges Drama mache…?”. Stetig wuchs dieser Sproß und begann langsam, meine eigene Inzenierung des Grauens zu demontieren.

Das, was in der Box ist, ist geschehen. Das, was in der Box liegt, ist vorbei.

Das, was uns beschäftigt sind die Schatten dieser Ereignisse.

Schatten waren schon immer Inspiration für so manchen Alptraum…. Das Monster unter dem BettDas Ungeheuer, das im Nebel lauert… Wie viele Kinder schlafen bei offener Tür oder mit Nachtlicht, weil die Dunkelheit etwas ist, was sie und uns mit Angst erfüllt…?

Dabei ist die Dunkelheit etwas, was zu unserem Leben dazugehört. Ohne Licht kein Schatten.

Wo immer Sonne scheint, ist Wüste.

arabisches Sprichwort

Es gehört immer etwas Dunkles zum Licht und etwas Helles zum Schatten.

In der Dunkelheit des Schlafes erholen wir uns, in der Nacht machen selbst die meisten Bäume eine Ruhepause [2] [3]. Schatten müssen nicht pauschal schlecht sein. Sie sind Ausdruck von etwas und sie werden von etwas bedingt.

Laut der griechischen Mythologie findet sich in der Büchse der Pandora auch alle Hoffnung der Welt.

Wenn wir also die Büchse zu öffnen wagen, den entweichenden Schatten mit Akzeptanz und Mut entgegentreten, dann könnte aus dieser Büchse etwas Wundervolles erwachsen.

Möglicherweise liegt in ihr beides verschlossen: Sowohl unser Verderben als auch unsere Erlösung.

Nur eine Frage bleibt. Was bin ich bereit zu zahlen, um Erlösung zu erlangen…? Wie viel können wir Menschen ertragen…?

Der Schlüssel zur Büchse liegt ebenfalls in uns. Eingestaubt. Vergraben und weit weg aus dem Sinn. Dennoch ahnt ein jede:r von uns, wie man an diese Büchse herantreten könnte. Doch nur Wenige wagen diesen Schritt…

Was mich die darauffolgenden Tage beschäftigte waren die Gründe für unsere Angst.

Weshalb haben wir solche Angst davor, die Büchse zu öffnen und hineinzuschauen? Wir schleichen um sie herum und machen einen großen Bogen um sie… Wieso? Schließlich haben wir sowohl die Möglichkeit sie zu öffnen, als auch sie wieder zu verschließen. Wir können uns entscheiden: Welchen Anteil des Inhalts wir bearbeiten wollen, oder ob wir überhaupt damit arbeiten möchten. Es gibt keine Verpflichtung die uns zwingt, uns diesen Dingen zu stellen. Es gibt keinen Zwang. Warum also haben wir ein Problem damit (oder machen uns eines?)? Erstrecht, wenn Erlösung auf uns warten könnte..?

Vermutlich, weil am Ende immer eine Form von Konsequenz steht. Jedes Handeln hat Konsequenzen. Und manchmal sind die Konsequenzen des Ignorierens leichter zu ertragen als die Konsequenzen des Handelns. Auch diese Dinge gilt es zu berücksichtigen. Nicht für jeden Menschen ist die Erlösung mit Erleichterung gleichzusetzen…

Nicht jedes Problem muss eine Lösung finden. Nicht jedes von Außen sichtbare Problem muss für den Betroffenen auch ein Problem darstellen. Realität und Leid sind subjektiv. Was für den Einen eine große Belastung darstellt, ist für die Andere bereits eine große Verbesserung…

Die Fragen geisterten in meinem Kopf umher, beschäftigten mich Stunde um Stunde, Nacht um Nacht. Teilweise war ich ohne eine passende Antwort. Manchmal fühlte es sich an, als drehte ich mich im Kreis, als würde jede Antwort einer neuen Frage entsprechen. Wahrscheinlich kann man nicht all diese Fragen beantworten, möglicherwiese findet man nur vorübergehende Antworten – die Art Antworten, die sich je nach Lebenssituation ständig verändern, wie eine Lavalampe, die immer neue Bilder ergibt.

Nach tagelangem Denken, Wälzen und ergebnislosen Notizen, wurde mir wieder einmal bewusst, dass man manche Dinge nur herausfindet, wenn man sie wagt. Der Sprung ins eisige Wasser…


Hier saß ich nun, bereit etwas zu wagen. Ich wollte an Dewins Seite stehen, falls er seine Büchse der Pandora öffnen wollte und neben ihm stehen, sofern er es nicht wollte. Dieses Risiko war ich bereit auf mich zu nehmen. Aber war mein Patient dazu auch bereit?

Mit jeder Sekunde die verstrich wurde ich unruhiger. Vielleicht hatten meine Kollegen recht und ich maßte mir hier etwas an… Vielleicht war das alles eine Schnapsidee und ich mache mich lächerlich…?

Es kostete mich immense Kraft, weder laut aufzustöhnen noch nervös mit den Füßen zu tippeln. Und ich war drauf und dran, mein Angebot in den Wind zu schlagen und es als eine „kurze blöde Idee“ abzutun, als…

… Steve Dewin nickt. Zuerst ganz leicht, kaum sichtbar, dann immer stärker werdend, immer kräftiger, bis sich fast sein gesamter Körper mitbewegt. Meine Anspannung fällt wie ein bleierner Mantel von mir, meine Ohren rauschen. Und ich spüre, wie ich nach Luft schnappe.

Sein leises “Danke”, überhöre ich fast.


[1] „Die Büchse der Pandora“ entstammt der griechischen Mythologie. Pandora war eine weibliche Sagengestalt, die aus Lehm geschaffen wurde. Pandora war die „Rache für Prometheus“. Sie erhielt als Geschenk eine Büchse, die nicht geöffnet werden durfte. In dieser Büchse lag alles Übel der Welt, sowie alle Hoffnung. Natürlich wird in der Mythologie diese Büchse geöffnet und bringt Leid und Verderben über die Menschheit. Spannenderweise wird die Büchse geschlossen, bevor die Hoffnung entweichen konnte. Und so schlummert weiterhin, fest verschlossen, alle Hoffnung in der Büchse.

[2] https://www.tuwien.at/tu-wien/aktuelles/news/news/wie-schlafen-baeume (abgerufen am 18.8.22)

[3] Primärquelle: Puttonen, E., Briese, C., Mandlburger, G., Wieser, M., Pfennigbauer, M., Zlinszky, A., & Pfeifer, N. (2016). Quantification of Overnight Movement of Birch (Betula pendula) Branches and Foliage with Short Interval Terrestrial Laser Scanning. Frontiers in plant science7, 222. https://doi.org/10.3389/fpls.2016.00222

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