Unsere nächste Sitzung verbringt Herr Dewin weinend. Einem gebrochenen Staudamm gleich, strömen die Tränen seine Wangen hinab und verschwinden in seinem Fünf-Tage-Bart.
Seltsamerweise gehört das “ruhige Aushalten” von Trauer zu den schwersten Dingen in meinem Job – und gleichzeitig zu den Dingen, von denen ich weiß, wie hilfreich sie sind [1]. Wie viel Heilung mit diesem Akt der stillen Unterstützung geschehen kann..! Wenn die heilende Wirkung der Tränen einsetzt, wenn die Seele das Leid wegspülen kann, dann kann der Körper langsam beginnen die Lücken zu füllen.
Heilung ist ein Prozess. Ein beschwerlicher, steiniger Weg mit häufig undurchsichtigem Gestrüpp, seltsamen Kreaturen und ständige Wetterwechsel. Heilung ist nicht planbar, Heilung ist etwas, was passiert – und was man zulassen können muss.
Herr Dewin zeigt seinen Mut. Er hat sich getraut, meine metaphorische Hand zu ergreifen und sich auf eine Reise zu begeben, von der wir beide noch nicht wissen, wo sie uns hinführen wird.
Je häufiger wir uns sehen, desto mehr kommt er ins Sprechen. Er erzählt von seinen schrecklichsten Moment, seiner Not, seiner Überforderung. Er erzählt davon, wie weitreichend die Konsequenzen seines Bundeswehreinsatzes für sein Privatleben waren, wie einsam er sich fühlt, wie hilflos und nackt. Mit intensiven Worten nimmt er mich in das trübe Wasser seiner Seele mit.
Manchmal erwische ich mich, wie ich aussteigen möchte. Mich verlässt der Mut, in mir kommen Zweifel auf. Dann erinnere ich mich an das Versprechen, das ich ihm gab. Es geht hier nicht vordergründig um mich und meine Ängste, sondern um ihn. Ich begleite ihn durch Gebüsch, lasse mich einregnen und stehe frierend neben ihm.
Es folgen befremdliche, unbeholfene Momente zwischen uns. Weder er noch ich wissen, wo unsere Grenzen sind, keiner von uns weiß, wie solche Dinge normalerweise ablaufen. Wir hören auf unsere Bauchstimmen, auf die spontanen Impulse unserer Gedanken. Es ist keine Therapie. Es gleicht mehr einem netten Zusammensitzen in meinem Sprechzimmer. Wie ein Gedankenaustausch zwischen Fast-Freunden.
Die Grenze der Professionalität verschwimmt und ist in einigen Augenblicken kaum zu merken. Dennoch ist sie wie eine Glaswand, die uns trennt. Mir ist diese Grenze wichtig, auch wenn ich versuche, sie möglichst klein zu halten. Dabei orientiere ich mich an dem, was ich in Yaloms Büchern gelesen habe. Versuche mir vorzustellen, wie namhafte Therapeuten an die Situation herangehen würden.
Das Wichtigste ist ein Austausch auf Augenhöhe, eine unerschütterliche Akzeptanz meines Patienten in all seinen Facetten und seinen Schatten.
Ich lasse mich von der Frage leiten: “Wenn er mein bester Freund wäre, was würde ich tun, um ihm zu helfen? Und welche Möglichkeiten als Ärztin habe ich, diese Dinge unterstützend zu ergänzen?”.
Nicht alle Steine, die wir uns ansehen, helfen weiter. Nicht jeder Gedanke ist hilfreich. Aber durch unsere Erfahrungen lernen wir, wie wir die Spreu vom Weizen trennen können.
Als er eine neue Freundin findet, erfährt sein Leben einen Aufschwung. Plötzlich scheint ihm alles viel leichter von der Hand zu gehen, er beginnt einzelne Termine abzusagen (was mich ehrlicherweise irritiert und skeptisch werden lässt). Seine Eröffnung, zu seiner neuen Freundin nach Rostock ziehen zu wollen, versetzt mir einen Stich. Für mein Empfinden waren wir noch nicht an dem Punkt angelangt, den ich mit ihm gerne erreicht hätte (oder ist mein Ego geknickt?). Aber: That’s life. Er wirkt glücklicher und gelöster. Und wer weiß, ob er nicht mit einem Tapetenwechsel auch einen kleinen Neustart wagen kann..?
An unserem letzten Termin steht er mit einer kleinen gelben Gerbera vor mir. Als Sinnbild für „ein klein bisschen Licht am Ende des Tunnels“.
Zum Abschied umarmen wir uns. Wir sagen: “Tschüss und nicht auf Wiedersehen.” Und ich wünsche ihm von Herzen alles Gute.
Warum fühle ich mich nur so leer..?
Epilog
Monate später erhalte ich eine Email von ihm. Er bedankt sich nochmals für meine Mühe und meine Unterstützung. Er habe in Rostock eine Trauma-Therapeutin gefunden, die mit ihm weiter an den Themen arbeite. Seine neue Arbeitsstelle in einer Kita erfülle ihn nun deutlich mehr mit Sinn als noch ein Jahr zuvor. Die Schlaflosigkeit bestehe zwar weiterhin, doch könne er damit mittlerweile besser umgehen. Von Kopfschmerzen schreibt er nicht ein einziges Wort.
[1] Diese Begleitung im Erleben der Emotionen ist ein transformierender Prozess, der mittlerweile sogar eine therapeutische Linie hervorgebracht hat: die Emotionsfokussierte Therapie (kurz EFT). Seit 2018 existiert in Deutschland die EFT Community Deutschland e.V. mit Hauptsitz in Berlin. Diese Therapieform ist vergleichsweise jung, sie wurde unter anderem von Leslie Greenberg und Sue Johnson entwickelt. Sie ist auch für traumatisierte Patienten geeignet (Vgl. Paivio, S. C., & Pascual-Leone, A. (2010). Emotion-focused therapy for complex trauma: An integrative approach. American Psychological Association. https://doi.org/10.1037/12077-000)