Die Ernte liegt in den letzten Zügen, unsere Natur steht in voller Frucht. Das Licht wird schwächer, die Sonne beginnt ihren Rückzug und die Dunkelheit übernimmt erneut die Führung. Noch ist der Wandel kaum merkbar, aber in einigen Wochen wird uns die Nacht den Großteil des Tages gefangen halten. Betrachtet man den Wandel der Natur im Verlauf des Jahres, dann befinden wir uns aktuell in einem sehr spannenden Abschnitt des Jahreskreises.
Die Tag- und-Nachtgleiche im Herbst gehört zu den faszinierendsten Zeiten – und ist gleichzeitig eines der Jahresfeste, das häufig nicht genannt wird. Vermutlich, weil es in der westlichen Kultur kein entsprechendes Pendant gibt. Um den 25. September erreicht das Licht mit dem Dunkel Gleichgewicht, beide nehmen dann 12 Stunden des Tages ein.
Wir dürfen noch einen kleinen Augenblick genießen, uns an der Fülle des Lebens laben und haben dennoch bereits ein vorsichtiges Auge in Richtung Winter. Auch die Temperaturen lassen langsam nach. Die Kühle des Morgens wird über den Tag noch von den kräftigen Sonnenstrahlen verscheucht. Und manchen Morgen liegen zarte Nebelschwaden über den Nadelwaldwipfeln…
Innerhalb dieser Spannung – zwischen der Unbeschwertheit des Sommers, dem Überfluss und dem Reichtum und den Entbehrungen des Winters, der Not und der Gefahr – liegt Mabon, das keltische zweite Erntefest. Traditionellerweise wird Mabon gefeiert, wenn der Mond in das Sternzeichen Jungfrau eintritt. Kalendarisch trifft es dieses Jahr exakt auf den Herbstbeginn am 23. September.
Während zu Lughnasadh, dem ersten keltischen Erntefest zum 1. August, noch die Sonne brannte, das Korn in voller Pracht auf den Feldern stand und die ersten Äpfel reif wurden, wird es nun immer schwerer, reife Früchte in der Natur zu finden. Auch das Laub beginnt sich zu verändern, die ersten Spitzen leuchten bereits in dunklem Orange und Rostrot.
Lehnen wir uns also einen kleinen Moment zurück, genießen wir die zauberhafte Herbstfärbung der Bäume, das goldene Licht, die zarten Nebel, die reifen Kürbisse und warmen Tee. Üben wir uns in Dankbarkeit für die Dinge, die wir haben und die Dinge, die unser Leben bereichern.
Was ich an dieser Zeit liebe, ist die Rückkehr zur Heimeligkeit: Kuschelige Schals, Teelichter und der Duft nach frischem Apfelkuchen. Nähe, Geborgenheit und Familie auf der einen Seite.
Vorsicht, Vorausschau und Einkehr auf der anderen Seite.
Sosehr wir dem Sommer auch nachtrauern mögen, wir müssen uns langsam, aber sicher auf einen Abschied gefasst machen. Die Vorbereitung der Trauerzeit um Allerheiligen/Samhain wirft seine buchstäblichen Schatten voraus. Mit jedem verstreichenden Tag tauchen wir in die Dunkelheit ein, bis zur Wintersonnenwende die Geburt des Lichts und somit des Lebens gefeiert wird.
Im modernen Leben, zwischen Elektrizität, sozialen Medien und dem standardisierten Arbeitsabläufen, wird allzu oft vergessen, dass Licht und Schatten im steten Wechselspiel zueinander das Leben prägen. Die natürlichen Rhythmen finden kaum mehr im Alltag statt, sondern ist etwas, was zwar lose zur Kenntnis genommen wird, aber häufig vor allem in abschätzigen Kommentaren wie: „Nun ist es morgens dunkel und abends dunkel…!“.
Doch was können wir von der Dunkelheit lernen?
Welche Bedürfnisse und Sehnsüchte liegen im Dunkeln verborgen?
Welche Dinge wollen wir, übertragen gesprochen, noch ernten.
Wovon dürfen wir uns dieses Jahr verabschieden?
Wagen wir die Innenschau, so offenbart sich häufig großes Potential in genau dieser Zeit. Denn wir können dem Winter gut vorbereitet trotzdem, können ihn als Spielpartner nehmen, der uns mit Leichtigkeit Neues lehrt und Altes verscheucht.
Und über all dem schwebt die Dankbarkeit – für einen warmen Sommer, eine reiche Ernte und das Leben als himmlischer Funke.
