Die Erde ist noch warm vom Sommer, hat ihre Kraft gespeichert und in der hereinbrechenden Dunkelheit dampft diese Energie dem Himmel entgegen.

Wenn über den brachliegenden Feldern der Nebel aufsteigt, alles in Stille und Anmut taucht, wenn die Sonne sich im goldenen Herbstlaub bricht, dann werde ich etwas wehmütig.

Es ist eine ganz besondere Zeit – im Herbst nehmen wir Abschied vom Sommer, von Licht und Wärme, von Unbeschwertheit und lauen Sommerabenden. Wir werden angehalten, loszulassen. Ähnlich den Bäumen, die sich von den Blätter verabschieden, die im wahrsten Sinne LOSlassen, dürfen auch wir uns fragen, welche Anteile unseres Lebens nun dankend von uns gehen dürfen. Was hat seinen Dienst getan? Was dürfen wir achtsam hinter uns lassen?

Hermann Hesse schreibt in seinem Gedicht „Welkes Blatt“ über diesen Prozess:

Jede Blüte will zur Frucht,
Jeder Morgen Abend werden,
Ewiges ist nicht auf Erden
Als der Wandel, als die Flucht.

Auch der schönste Sommer will
Einmal Herbst und Welke spüren.
Halte, Blatt, geduldig still,
Wenn der Wind dich will entführen.

Spiel dein Spiel und wehr dich nicht,
Lass es still geschehen.
Lass vom Winde, der dich bricht,
Dich nach Hause wehen.

Hermann Hesse

Wehr dich nicht!, schreibt er. Lass los! Lass dich vom Wind nach Hause tragen.

Vielleicht möchten Sie wie ich dieser Einladung folgen? Dann nehmen Sie beim nächsten Spaziergang ein trockenes Laubblatt vom Boden, hauchen Ihren Abschiedsgruß in das Blatt (oder schreiben es darauf), und dürfen dieses Blatt anschließend im Wind zerdrücken. Mit jedem Bruchstück, das zu Boden segelt, lassen Sie los.

Manches ist so einfach – und tut so gut.

Ein Gedanke zu “Die hohe Kunst des Loslassen

  1. Jede Blüte will befruchtet werden
    Morgens Abends Tag und bei Nacht
    unbeständig ist das Leben
    der Wandel in uns ist die Frucht

    der Sommer kann sich nichts wollen
    der Herbst in uns wird bald kommen
    ein Blatt fällt wie wir alle
    der Tod wird uns ins Nichts entführen

    spiel dein Spiel im Drama der Seele
    wehr dich nicht in Deiner Nebenrolle
    kein Wind im Innern der dich bricht
    in Deinem Hause indem Du nicht
    der Autor Dir selbst bist

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