„Das erste woran ich mich erinnere, ist die Farbe Weiß. Meine Augen schmerzen, als ich sie öffne. Alles um mich herum ist steril und strahlend. Nach und nach realisiere ich, dass mein ganzer Körper schmerzt. Ich wache in einem leuchtenden Zimmer auf, draußen scheint die Sonne und reflektiert sich an der Wand.
Seltsamerweise fühle ich neben Irritation und Schmerzen kaum etwas anderes. Die Angst hat keinen Raum, so als wäre alles betäubt oder tot, ich bin eine Hülle. Also schließe ich die Augen wieder. Sehen ist kraftraubend. So versinke ich wieder in die namenlose Stille und den dumpfen Schmerz, der scheinbar mein einziger Ankerpunkt ist. Stille und Schmerz. Meine beiden Begleiter.

Die Tage fließen ineinander. Mal regnet es, mal zeichnet das Sonnenlicht helle Streifen an die Klinikwand. Menschen in weißen Kitteln kommen wie eine Wolke in mein Zimmer. Junge wie alte Ärzte, Frauen wie Männer. Sie reden mit mir, stellen mir Fragen, auf die ich keine Antwort weiß. Ob ich wisse, wer ich bin? Ob ich wüsste, was passiert sei?

Ich weiß nicht, wo ich bin.
Ich weiß nicht, wer ich bin.

Die Worte formen sich in meinem Kopf, ergeben aber keinen Sinn. Ich schaue in den Spiegel und erkenne mich nicht. Wer ist diese Frau, die mich aus dunklen Augen ansieht?“


Sie hatte einen Verkehrsunfall. Ein PKW bog rechts ab und übersah sie auf dem Damenrad. Bis auf einen Sack Kartoffeln, einem Erdbeerjoghurt, einem Packet Kaffee und etwas Kleingeld hatte sie nichts dabei. Sie war eine Jane Doe, eine Martina Mustermann aus Musterhausen…

Man sagte ihr, ihr Name sei Petra von Buckow. Geboren am 14. April 1976 in Oranienburg, wohnhaft in Angermünde. So steht es in dem Personaldokument, das man nach Tagen der Suche gefunden habe. Ein Nachbar machte sich Sorgen, so lange niemanden mehr in der Wohnung gesehen zu haben und rief die Feuerwehr. Die Tür wurde aufgebrochen. Und dort lagen sie, fein säuberlich aufgereiht auf dem Küchentisch: Ihr Personalausweis und ihr Führerschein nebst Autoschlüssel.
Bis auf den Nachbarn hatte sie niemand vermisst. Keiner hatte nachgefragt oder nach ihr gesucht…

Die Wunden heilten, die Hämatome verblassten.
Aber was war mit den seelischen Narben?
Was war mit dem namenlosen Ungetüm, das ihr durch den Kopf geisterte und fragte: „Wer bin ich..?“.

Nie kam Besuch.
Die Krankenhausbetten neben ihr füllten und leerten sich wieder. Nur sie blieb.
Allein.

Der Tag der Entlassung fühlte sich an wie ein Schritt ins Nichts. Das bisschen Struktur, das der Krankenhausalltag bot, wurde ihr genommen. Was blieb war das innere Monster, das quälend immer und immer wieder stocherte: „Wer bin ich??“.

Da steht sie nun, in einem Mehrfamilienhaus, dritte Etage, die Tür vor ihr mit zerstörtem Schloss. Die Grenze zwischen Innenraum und Außenleben – unbrauchbar, geborsten und funktionslos.
In der Wohnung riecht es nach abgestandenem Sonnenlicht und Bohnerwachs. Nach alten Erinnerungen und ferner Routine. Fotos mit unbekannten Personen stehen auf der Kommode im Wohnzimmer. Ein Strauß Trockenblumen. Eine Postkarte auf der steht: „Liebe Grüße von Usedom“, hinten nur handschriftlich „Von Peter an Petra“. Wer ist Peter??!

Wie kann sich eine Wohnung so leer anfühlen?
Sie fällt auf die Couch aus beigem Cord und fühlt, wie ihr die Tränen im Halse stecken bleiben.
Irgendwann steht sie auf, reißt alle Schubladen auf und wirft den gesamten Inhalt ihres alten Lebens auf den Wohnzimmerboden.
Es sieht aus, als wäre eingebrochen worden. Aber das ist ihr egal. Selbst Chaos hat mehr Struktur als ihr momentanes Dasein.

Stundenlang wühlt sie sich durch Fotoalben, Unterwäsche, uralte Notizbücher, vergilbte Einkaufszettel und den Vorratsschrank. Sie hört die Schallplatten aus dem Lederkoffer, nippt an verstaubten Pflaumenschnaps und entdeckt in einer Wildlederjacke eine Packung Zigaretten. Das erste, was sich für sie richtig anfühlt.
Der erste Atemzug, draußen auf dem Balkon, fühlt sich wie Heimat an. Mit den Fingern knippst sie die vertrockneten Köpfe der Primeln ab, während sie ihre die erste Zigarette ihres neuen Lebens raucht.

Was macht man mit einer Hülle, wenn sie nicht mehr passt? Was macht man mit einem Leben, das sich völlig demontiert hat..?

„Ich fand heraus, dass meine Eltern gestorben sein mussten. Enge Freunde hatte ich scheinbar keine, nur lose Bekannte. Keine Kinder, kein Ehemann. Gegen Katzen und Penicillin war ich allergisch, so ein Allergiepass. Vermutlich war ich Angestellte im öffentlichen Dienst. Die Gehaltsabrechnungen waren fein säuberlich weggeheftet. Ich mochte Ordnung und hatte eine Vorliebe für Dosensuppen.
Aber was sagt das über eine Person? Was sagt das über mich als Mensch?“

Auch wenn sich Stück für Stück das Puzzle zusammensetzte, so blieb vieles ein großes Rätsel. Alle Erinnerungen waren verloren, manchmal kamen Bruchstücke nachts im Traum, aber niemals genug, um ihr die Fragen zu beantworten, die sie wissen wollte?

„War ich jemals verliebt?
Warum hatte ich weder Ehemann noch Kinder?
Esse ich gerne Austern?
War ich je im Ausland?
Welche Art von Humor habe ich?
Habe ich eine Lieblingsfarbe?
Wo bin ich aufgewachsen? Wie war meine Kindheit..?

Monate später war sie kurz davor zu zerbrechen. Die Lücken füllten sich nicht, es blieb eine drückende Leere. Nicht zu wissen, woher man kommt, nimmt auch die Perspektive auf die Zukunft. Wofür lohnt es zu leben, wenn dort nichts ist..?
Wohin soll man wachsen, wenn man keine Wurzeln hat?

Dann stand sie bei Aldi an der Kasse und ihr Blick fiel auf ein Plakat. Darauf zu sehen waren ein Markenprodukt und eine Eigenmarke. Darüber der Slogan: „Du hast die Wahl.“
In dem Moment, so sagt sie, änderte sich alles.

Sie beschloss, als sie die Tiefkühlpizza und den trockenen Chardonnay bezahlte, dass sie nicht an einer Vergangenheit hängen wollte, die für sie keine Relevanz mehr hatte. Warum etwas hinterherjagen, wenn das, was man jagt, nur noch Staub ist?

Sie kaufte sich ein Notizbuch und schrieb auf, was ihr einfiel:
Möchte ich reisen? Wenn ja, wohin?
Möchte ich unter Menschen oder lieber alleine sein?
Welche Hobbies möchte ich kennen lernen?
Oben drauf schrieb sie den Titel: Wer ich bin!

Am Anfang fiel ihr das schwer. Sie spürte die Fesseln der drohenden Vergangenheit an ihren Handgelenken, die sie in eine bodenlose Tiefe ziehen wollten. Doch dann wurde es immer leichter, als sie die Angst vor dem Unwissen, dem Scheitern und dem Nichts überwinden konnte. Was hatte sie schon zu verlieren?

Sie lud den Nachbarn zum Essen ein, der sich um sie gesorgt hatte.
Sie veranstaltete ein Fest, um alle Bewohner des Mietshauses kennen zu lernen.
Sie fing an, sich zu integrieren und sich für das JETZT zu interessieren.

Sie ging zur Volkshochschule und entdeckte, dass sie kein Talent für plastische Kunst besaß, aber dafür gerne vorlas.
Sie las „Eat, pray, love“ und kündigte ihren Job um ein Jahr auf Reisen zu gehen. Das Buch hatte sie inspiritert. Ohne Geld und ohne Plan zog sie los. Das einzige Ziel war: Herausfinden, wer sie war.


Wenn mir solche Menschen gegenübersitzen, dann bin ich meist fasziniert von diesen Lebenswegen. Wie man aus Schicksalsschlägen Mut schöpfen kann. Wie verrückt das Leben einen manchmal durch die Wellen navigiert.

Frau von Buckow ist nach Bernau gezogen. Wer auch immer sie war, sie hat es lange hinter sich gelassen.
Mittlerweile ist sie Horterzieherin und glücklich mit sich. Glücklich in Gesellschaft und Einsamkeit. Glücklich mit Schweigen oder Reden.

Einfach nur glücklich.

Die Farbe Weiß hat sie gerettet, sagt sie.

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