Frau Rieselfeld [1] kenne ich noch nicht sehr lange. Meist kommt sie mit ihrer hochbetagten und schwer dementen Mutter in die Sprechstunde. Selten geht es dabei um sie selbst, meist um gesundheitliche Beschwerden ihrer Mutter.
Als Frau Rieselfeld an diesem Montagmorgen mein Sprechzimmer betritt, ist sie allein. Vermutlich hat sie meinen erstaunten Blick bemerkt, denn ihr erster Satz lautet: „Guten Morgen Frau Doktor, es tut mir Leid Sie in der Sprechstunde zu stören, aber heute geht es mal um mich.“
Dieser Satzbau lässt mich aufhorchen.
Ich biete ihr einen Stuhl an und frage, nachdem wir beide uns gesetzt haben, was sie heute zu mir führt.
Es gehe ihr nicht gut, beginnt sie. Der Schlaf sei schlecht, sie sei permanent müde, abends lassen sie die Gedanken nicht zur Ruhe kommen. Letzte Nacht habe sie kaum ein Auge zugetan und sie komme nun langsam an ihre Grenzen, sie könne nicht mehr. Auf meine Nachfrage hin beschreibt sie Magendruck, teilweise mit Übelkeit ohne Erbrechen, der Appetit sei weg und seit neuestem bemerke sie anfallsartiges Herzrasen. Zudem seien ihre Hobbies nicht mehr so schön, die Dinge, die ihr früher Freude bereitet hätten belasten sie nun zunehmend, sie gehe nicht mehr zum Chor und habe auch ihre Handarbeiten seit Wochen nicht angerührt.

„Frau Doktor, ich bin doch sicher depressiv, oder?“

Laut der Leitlinie [2] hat sie recht.
Alle drei Hauptkriterien (gedrückte Stimmung, Freudverlust und Antriebslosigkeit) und zwei Zusatzkriterien (Appetitverlust und Schlafstörungen): Somit leidet sie an einer mittelgradig depressiven Episode.

„Vermutlich schon, Frau Rieselfeld“, stimme ich ihr zu. „Dürfte ich erfahren, wie aktuell ihr Alltag aussieht? Wie läuft so ein ganz normaler Tag bei Ihnen ab?“
Durch diese Frage erfahre ich, dass Frau Rieselfeld vor drei Monaten zu ihrer Mutter zog und dort auf der Couch schlafe. Das musste sie tun, sagt sie, die Mutter war zunehmend verwirrt und wurde sogar einmal von der Polizei mitten in der Nacht im Nachthemd aufgegriffen, weil sie einkaufen gehen wollte… Nun kümmere sie sich rund um die Uhr um ihre Mutter, wasche die Wäsche, helfe bei der Körperhygiene, und mache den Haushalt. Ihr Mann wohne weiterhin in ihrer Wohnung 20 km von hier. Seit 2 Jahren sei sie berentet. „Ich schäme mich, das zu sagen, aber ich hatte mir meinen Ruhestand ehrlich gesagt anders vorgestellt…“

Wir sprechen darüber, wie es ihr damit geht von jetzt auf gleich ihr gesamtes Leben um die pflegebedürftige Mutter herum aufzubauen, keine Zeit mehr für sich selbst zu haben, oder eigene Wünsche, Ideen und Interessen ausleben zu können – weil für sowas wie ein eigenes Leben kaum noch Raum bleibt. Es bestehen viele Parallelen zu jungen Eltern, die mit der Geburt des Kindes plötzlich aus ihrem alten Leben in ein neues Leben hineingeboren werden, das so viel anders ist als das Leben zuvor.

Ich oute mich an dieser Stelle als keine riesengroße Freundin der Diagnose „Depression“. Die Diagnose verleiht einem oftmals vollkommen natürlichen Prozess, und dem Umstand, dass uns Lebensveränderungen aus der Bahn werfen, etwas Krankhaftes und Pathologisches. Ich möchte Sie fragen: Ist es nicht allzu verständlich, dass jemand wie Frau Rieselfeld, der so viel des eigenen Lebens für jemand anderen opfert, nicht mit rosaroter Brille durch das Leben hüpft? Ist es wirklich pathologisch und krankhaft? Oder steht da vielleicht eine vollkommen nachvollziehbare und normale emotionale Reaktion hinter?
Meine Frage kann zugegebenermaßen kontrovers diskutiert werden – aber vielleicht muss sie das auch.
Ohne Frage, es gibt durchaus depressiv Kranke: Menschen denen es schwer fällt ohne Medikamente ein normales Leben zu führen, für die Alltägliches kaum zu bewältigen ist. Normale Dinge wie Körperhygiene, Regelung der Finanzen oder auch Nahrungsaufnahme. Aber genauso gibt es Menschen mit einer normalen emotionalen Reaktion auf ein krisenhaftes Lebensereignis, die einfach nur Verständnis für ihre Lebenssituation brauchen – und diesen Menschen möchte ich hiermit Mut zusprechen Hilfe in Anspruch zu nehmen. Unabhängig davon, ob als psychologische Therapie oder in Form von Tabletten. Nur weil wir Hilfe brauchen, sind wir nicht weniger Wert. (Wahrscheinlich würden wir diese Diskussion nicht führen, wenn es sich um Antibiotika handeln würde…).

Ich möchte definitiv nicht die medikamentöse Therapie verteufeln. Sie macht Sinn, wenn sie in ein ganzheitliches Konzept eingebettet wird, wenn sie die individuellen Bedürfnisse des Patienten/der Patientin berücksichtigt. Eine wohl durchdachte Medikation stabilisiert und macht in einigen Fällen eine Psychotherapie erst fruchtbar.
Aber: Es ist nicht alles von Krankheitswert. Es ist nicht alles pathologisch. Wir sind Menschen, mit Höhen und Tiefen. Aber wenn wir die Tiefen per se als pathologisch verkaufen, als etwas „was nicht zum Leben gehört“, dann laufen wir Gefahr in einer lebensfremden Gesellschaft zu leben. Die ersten Resultate sieht man bereits: fehlende Trauerkultur, kein Verständnis für Leute mit schweren Lebensphasen, Instagram zeigt uns retuschierte Körper, permanenten Sonnenschein und eine heile Märchenwelt. In welcher Art von Welt möchten wir leben?

Die Band Imagine Dragons bringt es mit dem Lied „It’s ok“ auf den Punkt:

She could always hear every word they say
Everybody walks like they just know the way
Every single day holding back the tears
She’d never say a word ‚cause there’s nobody that hears

It’s okay to be not okay
It’s just fine to be out of your mind
Breathe in deep, just a day at a time
‚Cause it’s okay to be out of your mind, mind

[…]

I don’t want this body, I don’t want this voice
I don’t wanna be here, but I guess I have no choice
Just let me live my truth, that’s all I wanna do
Baby, you’re not broken, just a little bit confused

Wir reden. Wir reden fast 40 Minuten miteinander (was wohlbemerkt nicht die Norm als Hausarzt ist, auch bei mir nicht!). Als Frau Rieselfeld aufsteht, bedankt sie sich, es gehe ihr schon viel besser. Sie verlässt mein Sprechzimmer ohne antidepressive Medikamente, aber mit einem Plan: Pflegestufe beantragen, Unterstützung organisieren und sich bei Pflegediensten und Pflegeheimen informieren. Informationen kosten schließlich nichts – aber zu wissen, was die Optionen sind ist manchmal Gold wert.

„It’s Ok“, Imagine Dragons

[1] Zugegebenermaßen kenne ich keine Dame mit diesem Namen – die Geschichte ist exemplarisch zu betrachten. Jede Ähnlichkeit zu lebenden Personen, sowohl im Namen als auch in der Handlung sind rein zufällig und unbeabsichtigt.

[2] DGPPN, BÄK, KBV, AWMF (Hrsg.) für die Leitliniengruppe Unipolare Depression. S3-Leitlinie/Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression – Kurzfassung, 2. Auflage. Version 1. 2017 [cited: 2021-11-07]. DOI: 10.6101/AZQ/000366. http://www.depression.versorgungsleitlinien.de

6 Gedanken zu “Es ist o.k., nicht o.k. zu sein – ein Plädoyer

  1. In der Gegenübertragung
    geht es nicht nur darum
    die Beichte
    eines Kranken anzuhören

    das mag in diesem Fall
    zu deren Entlastung
    gut genug gewesen sein

    es geht darum
    verwundbar zu bleiben

    mit der Frage
    was der Befund
    eigentlich mit mir selbst
    zu tun hat

    die Seele gibt uns alles

    dass wir an unserem
    Ungleichgewicht erkranken –

    neben allen
    Erkrankungen

    deren Ursächlichkeit
    schwer zu befinden sind

    – diese Einsicht
    wird dem wohl
    immer nötig sein

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    1. Sehr geehrter Gamma Hans,

      „Verwundbar sein“ ist, so denke ich, ein ganz wesentlicher Punkt. Wie weit darf oder muss ein Arzt verwundbar sein? Und in welchem Maße gilt es für die Patienten?
      Eine sehr spannende Frage, über die ich nachdenken muss. In diesem Sinne: Vielen Dank für diesen Kommentar!

      Beste Grüße,
      Dr. Buhl

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      1. Guten Tag Frau Dr. Buhl,

        Herzlichen Dank für Ihre Antwort.

        Wir können nicht in die Tiefe
        eines anderen Menschen hineinsehen
        ihn wirklich ganz verstehen.

        Wir geben unserer Ahnung nach
        zu einer Eingebung
        demjenigen der über ein Leiden klagt
        der sich in einer Notlage befindet

        Wir versuchen ihm
        auf seine gestellten Fragen
        eine entsprechende Antwort zu geben.

        Wichtig ist
        die eigenen vernarbten Wunden
        für sich selbst offen zu legen.

        Das gibt uns die Möglichkeit
        andere
        den Kranken in seiner Welt
        vielleicht besser zu verstehen.

        Der Arzt kann dem Kranken beratend bei Seite stehen.

        Das wirklich heilende muss im Menschen selbst geschehen.

        Herzliche Grüße
        Hans Gamma

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