Ein dröhnendes Lachen dringt durch meine Sprechzimmertür. Ein tiefer, rollender Laut, der direkt aus dem Herzen des Lachenden zu kommen scheint.
Würde ich Herrn Liepnitz [1] nicht schon kennen, dann hätte ich niemals vermutet, dass aus diesem kleinen kahlen Mann ein solches Geräusch kommen könnte.
Kennengelernt haben wir uns während meiner Zeit als Stationsärztin in der kardiologischen Rehabilitation. Als ich die Aufnahmepapiere las, den Entlassungsbericht aus dem Krankenhaus, da ahnte ich Schlimmes: Z.n. ACVB bei 3-Gefäß-KHK und STEMI der Vorderwand, arterieller Hypertonus. Neudiagnosen: Diabetes mellitus Typ 2, Herzinsuffizienz HFrEF mit LV-EF (LV-EF: 30%), leicht bis mittelgradige Trikuspidal- und Mitralklappeninsuffizienz, Z.n. postoperativem Nierenversagen mit vorübergehender Nierenersatztherapie. Zu Deutsch: Die Herzkranzgefäße sind so stark verändert, dass kein Stent mehr hilft und nur ein Bypass noch Sinn machte – Auslöser war ein Herzinfarkt, der wiederum durch den schlecht eingestellten Bluthochdruck und den wahrscheinlich niemals therapierten Diabetes hervorgerufen wurde. Die Herzklappen zwischen den Herzvorhöfen und den Herzkammern schließen nicht mehr ausreichend und das Herz ist in seiner Pumpleistung eingeschränkt. Als würde das nicht reichen, musste der arme Mann nach der Herz-OP noch an die Dialyse…
Vor meinem Geiste formte sich ein Bild von einem Mann gesetzten Alters, mit Unterschenkelödemen durch die Herzinsuffizienz, blasser Haut, einem Wohlstandsbauch und Belastungsluftnot nach jedem dritten Wort…
Harry Liepnitz strafte diesen Gedanken Lügen und kam so quietschvergnügt und lebenslustig in mein Stationszimmer gelaufen, dass ich erst dachte, der neue Hausmeister wolle endlich die Leuchtröhre meiner flackernden Deckenlampe tauschen. Mein realer Patient hatte so gar nichts von meinem „erwarteten Patient“: weder die Unterschenkelödeme noch den Wohlstandsbauch.
Dafür brachte er jede Menge Berliner Schnauze und eine ordentliche Portion Humor mit: „Hör’n se Frau Doktor, ick bin hier zur Erholung. Dat ham se mir im Krankenhaus vermittelt. Ick würd‘ jern in die Sauna. Ham se sowas ooch?“.
Das Aufnahmegespräch verlief dann wieder etwas mehr so, wie ich es erwartet hatte: „Ick hab jeroocht, jesoffen und jeliebt [2] – nun ham wa den Salat“. Die Blutdrucktabletten von seiner Hausärztin habe er nie genommen (da stand zu viel im Beipackzettel, „ick will ja nich‘ gleich über’n Jordan!“), von einem erhöhten Blutzucker habe er erstmals im Krankenhaus gehört und seine Blutfette waren schon immer schlecht, das läge in der Familie: Der Vater war Besitzer einer Imbissbude und behauptete immer, statt Blut fließe Frittierfett in seinen Adern – und ich machte erstmals Bekanntschaft mit diesem einmalig herzhaften Lachen.
Die Rehabilitation lief für Herrn Liepnitz gut: In der Ergometrie erreichte er 75 Watt (immerhin!), im Herz-Ultraschall zeigte sich die Herzinsuffizienz leicht gebessert und lag zur Entlassung nunmehr bei 45 % [3].
Er begann erfreulicherweise seine Medikamente regelmäßig zu nehmen, sodass sich die Blutdruckwerte und die Cholesterinwerte nach drei Wochen in der Nähe des Zielbereiches aufhielten. Als Herr Liepnitz ging, verabschiedeten wir uns mit „Tschüss und nich‘ auf Wiedersehen!“ und ahnten beide nicht, dass wir uns bald wiedersehen sollten.
Drei Jahre später wechselte ich in die Hausarztpraxis und wie das Schicksal es so wollte, war Herr Liepnitz nun mein Patient. Die Zeit hatte es nicht gut mit ihm gemeint. Zwar strahlten die Augen weiterhin vor Schalk und die Kodderschnauze war ihm nicht verloren gegangen, aber man merkte, dass er deutlich langsamer ging und häufiger Luft holte. Seine Medikation nahm er weiterhin regelmäßig ein, die empfohlenen Zielwerte für Blutdruck, Blutzucker und Blutfette waren erreicht. Aber es waren nun Medikamente für Herzinsuffizienz hinzugekommen, der behandelnde Kardiologe schrieb von „zunehmender Trikuspidalinsuffizienz, aktuell Grad 2 – 3 von 3, hochgradige Mitralinsuffizienz Grad 3 von 3“, die Herzpumpleistung hatte sich wieder bei 35 % eingependelt.
Zu Beginn sahen wir uns noch selten. Doch zuletzt häuften sich die Kontakte. Denn irgendwann kam quälender Husten dazu, Herzinsuffienzenz-Husten, auch Asthma cardiale genannt. „Juten Tach Frau Doktor, tut mir Leid Sie zu stör’n, aber ick komm die Treppe nich‘ mehr ruff. Und wenn ick morgens uffsteh‘ dann bell ick wie een oller Köter“. Die Lunge war mit Wasser gestaut, das sich aus dem Herzen in die Lunge zurückdrückte, weil die Herzklappe nicht gegen den Druck halten konnte. Um die Lunge vor dem Ertrinken zu retten, ergänzte ich die eh schon lange Medikamentenliste um eine weitere Wassertablette, verordnete tägliche Gewichtsmessungen und Trinkmengenrestriktion von maximal 1,5 Litern.
Als wir uns nach drei Tagen zur Laborkontrolle wiedersahen, ging es ihm deutlich besser. „Danke Frau Doktor, die Luft is‘ wieda da!“.
Die Blutchemie sah leider nicht so rosig aus, denn nun ließ auch die Niere langsam in ihrer Funktion nach. Es begann das, was mein ehemaliger kardiologischer Oberarzt immer als „Lasset die Wasserspiele beginnen!“ einläutete: Mit Medikamenten den Wasserhaushalt steuern. Die Krux dabei ist, dass viel Entwässerung die Niere ärgert, während wenig Entwässerung das Herz schwächt. Was nun? Es ist ein auswegloses Spiel, das mit der stetigen Hoffnung einhergeht, dass man irgendwann die optimale und gut funktionierende Menge an Medikamenten findet. Oft tut man das auch. Manchmal aber auch nicht.
Im Fall von Herrn Liepnitz gestaltete sich der Weg schwierig, da neben der Herzschwäche und der Nierenschwäche auch eine Klappenfunktionsstörung vorlag. Die Prognose ist schlecht, denn die therapeutischen Möglichkeiten sind begrenzt. Behandelt man operativ die Klappe, dann erkauft man sich die Operation zumeist mit einer nachfolgenden Stenose, also einer verengten Klappe. Das wiederum bedeutet für das geschwächte Herz eine enorme Belastung, da es mit dem Wechsel von einer durchlässigen Klappe zu einer engen Klappe innerhalb von kürzester Zeit zurechtkommen muss. Bei einem voroperiertem Bypass-Herzen mit Pumpschwäche muss man diese Option sehr genau abwägen – zumindest wenn man mich fragt.
Ob er wusste, wie schlecht es um ihn steht? Vermutlich hat er etwas geahnt, denn der Glanz in den Augen wich einer permanenten ängstlichen Sorge, die flotten Sprüche wurden spröde und seltener, er wirkte mehr und mehr in sich gekehrt.
Er sitzt vor mir, die Hände im Schoß gefaltet, der Brustkorb hebt und senkt sich, als wäre jeder Atemzug ein Kampf. Die Knöchel unter meinem Schreibtisch sind mittlerweile so dick, dass das Wasser aus offenen Stellen dringt. Wir besprechen die Therapiemöglichkeiten: Krankenhauseinweisung und möglicherweise erneute Herz-Operation? Ambulante Versorgung und kräftige Entwässerung, dann jedoch mit engeren Arztkontakten verbunden?
Ich frage ihn nach seinen Wünschen, nach Ideen oder Vorstellungen, die er hat.
Leise, fast kaum hörbar: „Frau Doktor, ick will nicht mehr.“
Er holt tief Luft und ich merke, dass ihm das Folgende schwerfällt: „Ick will nich‘ mehr sein. Rin in’s Krankenhaus, dann wieder raus,… ick will nich‘ mehr. Aber dit versteht keena.“
„Sie müssen nicht in das Krankenhaus, wenn Sie das nicht wünschen.“
„Aber ick will auch nich‘ elendig verrecken!“ Tränen glitzern in seinen Augen, Zeugnisse, wie emotional bewegt dieser vormals lebensfrohe Mensch ist.
Nun ist es an mir, tief Luft zu holen und die richtigen Worte zu finden. Ein Gespräch zur Gestaltung des Lebensendes benötigt viel Zeit, Ruhe und Empathie. Es ist eine Schwelle, die überschritten wird, die sagt: Ab hier ist eine Aussicht auf Heilung nicht mehr gegeben. Wir heilen nicht mehr, wir lindern. An diesem Punkt geht es um Lebensqualität und nicht Lebensquantität, und die Entscheidung, was Qualität für den Einzelnen bedeutet.
Für Harry Liepnitz bedeutet das: Zuhause sterben können, weiter sein Bier trinken, seine Pfeife rauchen und seine Frau abends auf den Mund küssen. Und einmal in der Woche zusammen mit dem Nachbarn Skat spielen.
Lebensqualität heißt für ihn: keine Luftnot mehr haben, auch wenn das bedeutet, dass die Niere irgendwann nicht mehr funktioniert. Angstfrei und schmerzfrei sein.
Herr Liepnitz wird an die SAPV angebunden (spezialisierte ambulante Palliativversorgung) und hinterlegt bei uns eine Patientenverfügung, in der er alle weiteren lebenserhaltenden Maßnahmen ausdrücklich ablehnt. Seine Frau sitzt währenddessen neben ihm, hält ihm die Hand. Sie gehen diesen Weg gemeinsam, wie schon die letzten 43 Jahre.
Harry Liepnitz verstirbt nachts zu Hause im Ehebett. Den abendlichen Kuss, den ließ er sich nicht nehmen, erzählt seine Frau. Sie drückt mir eine Karte in die Hand. Vorne im dicken Rot leuchtet: „Jelebt, jeliebt, jefressen, jesoffen – und nu allet vom Doktor hoffen!“ – das „vom Doktor“ ist durchgestrichen, darüber steht „Frau Doktor“. Hinten auf der Karte lese ich in etwas zittriger Schreibschrift: „Danke für Alles – Ihr Harry Liepnitz“.
[1] Anmerkung: Es handelt sich um eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten zu lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und von mir nicht beabsichtigt.
[2] Geraucht, gesoffen und geliebt
[3] Zur Info: Normal sind 55-60% Auswurfleistung und nicht, wie man erwarten würde, 100%.
Ein Gedanke zu “Herr Liepnitz und die Herzinsuffizienz”