Es gibt Patienten, die man gefühlt wöchentlich sieht. Einer von diesen Patienten ist Herr Piotr Jezioro [1], ein polnischstämmiger junger Mann, gut gebräunt und im Besitz bemerkenswerter Musculi biceps brachii [2]. Außerdem verfügt er über ein sehr empfindliches Gespür für seinen Körper; Jedes körperliche Befinden, jede Auffälligkeit, wird analysiert und im Zweifelsfall im Internet recherchiert. Demzufolge unterhalten wir uns oft über Dinge wie den „atypischen weißen Hautkrebs der Zehennägel“ (Nagelpilz) oder der (Un-)Wahrscheinlichkeit für Magenkrebs, trotz seines für ihn sehr eindrücklichen Bauchgrummelns, vor allem in den späten Abendstunden.

Als er beim letzten Termin als Notfallpatient mit Brustschmerzen in meinem Sprechzimmer saß, beunruhigt über sehr lokalisierte, stechende linksseitige thorakale Schmerzen bei tiefer Inspiration klagte, die beim Bankdrücken im Fitnessstudio vor einer halben Stunde erstmalig auftreten waren, hörte ich in Ruhe zu. Nachfolgend untersuchte ich das Herz (um es für normal zu befinden) und tastete den Brustkorb ab (wo ich punktuell den Schmerz auslösen konnte). Dabei fiel mir auf seiner Brust ein großes Tattoo mit geschwungenen Schriftzeichen auf: „Carpe diem“, nutze den Tag.

Bevor ich ihn über die Diagnose Intercostalneuralgie, auch als „eingeklemmter Nerv“ bekannt, aufklärte, erkundigte ich mich aus Interesse, welche Bedeutung das Tattoo für ihn habe.
Er schaute mich zuerst irritiert, dann aber Stolz erfüllt an und erklärte mir, dass man jeden Tag so Leben sollte, als sei es sein letzter. Carpe diem eben. Das sei sein Lebensmotto.

Er ging. Zufrieden, dem Tod erneut von der Schippe gesprungen zu sein. Doch ich blieb mit diesem Gedanken zurück: Carpe diem. Nutze den Tag, oder lebe jeden Tag als wäre es dein letzter… was soll das bedeuten?
Leben ohne Risiko auf Verluste? Geld verprassen, ohne Sinn und Verstand? So lange ins Fitnessstudio gehen, bis die Oberarme Ausmaße von Baumstämmen haben..?
Oder steht dahinter die Frage nach der eigenen Vergänglichkeit, der Tatsache, dass nichts im Leben von Dauer ist.
Nutze den Tag: Beende jedes Gespräch als wären es die letzten Worte. Zeige Liebe und empfange Liebe – ohne Angst vor morgen. Genieße jeden Tag, sei dankbar für das, was ist und das, was sein könnte. Sei auch dankbar für das, was gestern war. Du bist hier. Im Hier und Jetzt. Also packe das Hier und Jetzt – diesen Tag – beim Schopfe und mache ihn zu etwas Einzigartigem.

Herr Jezioro und seine Angst vor Krankheiten und Angst vor dem Tod beschäftigen mich.
Jedes Mal wenn wir uns sehen stellt er mir insgeheim die Frage: „Sterbe ich jetzt? War es das?“. Und ich möchte ihn zurückfragen: „Was würde sich ändern, wenn es so wäre? Was würde sich ändern, wenn auf heute kein morgen mehr folgt?“. Wie sähe das Leben dann wohl aus…? Welchen Weg würde er gehen, und würde ihn die Angst weiterverfolgen oder würde sie wohl verfliegen?


[1] Fiktiver Charakter. Ich kenne niemanden mit diesem Namen. Jede Ähnlichkeit zu lebenden Personen ist rein zufällig und von mir nicht beabsichtigt.

[2] Oberarmmuskeln

Ein Gedanke zu “Carpe Diem und der Hypochonder

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