Rrrring, rrrring.
Das Sprechzimmertelefon klingelt.
Ich schlucke noch schnell ein Stück Rosinenbrötchen hinunter und spüle mit kaltem Milchkaffee nach. Frühstück, zwischen Laborauswertungen und Notfalluntersuchungen.
„Doktor Buhl, guten Morgen!“, melde ich mich.
Am anderen Ende der Leitung herrscht Stille. Beinahe hätte ich wieder aufgelegt, als plötzlich eine weibliche Stimme zu hören ist: „Guten Tag, Frau Doktor. Ich habe mir Ihre Kopfwäsche zu Herzen genommen und würde gerne bei Ihnen in der Sprechstunde vorbeikommen.“
Kopfwäsche? Ich? Wann, bei wem? Wer ist denn da am Telefon?!
„Natürlich können Sie gerne vorbeikommen, aber helfen Sie mir bitte kurz noch einmal: Mit wem genau spreche ich?“
Annabelle Grimnitz gibt sich zu erkennen. Wir einigen uns darauf, dass sie sich sofort auf den Weg macht und ich sie noch in die volle Vormittagssprechstunde schiebe. Geduld müsse sie dennoch haben, denn der Warteraum ist voll besetzt.
Als ich auflege, bin ich verwirrt. An eine Kopfwäsche kann ich mich nicht erinnern. Unser Gespräch vorige Woche lief sicherlich nicht optimal – und ich konnte definitiv nicht erreichen, was ich eigentlich beabsichtigt hatte. Aber Kopfwäsche…? Bei dieser Frau, dem Inbegriff der emotionalen Frostigkeit, der perfektionistischen Perfektion, der „alles-etwas-zu-viel“-Arielle?
Irgendwie fühle ich mich angegriffen und missverstanden. Ich will meinen Patienten keine „Kopfwäsche verpassen“..!
Die Sprechstunde zieht sich in die Länge.
(Zugegebenermaßen habe ich immer einen halben Gedanken bei Frau Grimnitz und dem letzten Gespräch…)
Es bleibt mir nichts weiter übrig, als meine Neugierde zu zügeln und meine unterdessen schäumende Intuition zum Abwarten zu ermahnen.
Gedanken sind Gedanken und Interpretationen sind Interpretationen.
Nichts davon muss der Wahrheit entsprechen – aber alles kann ein kleiner Teil davon sein.
Der Anblick von Annabelle Grimnitz verwundert mich. Sie ist ungeschminkt und ihre Kleidung wirkt zusammengewürfelt. Aber mehr noch: Irgendetwas an ihr wirkt anders, verändert. Dann wird es mir klar: Wo ist diese raumergreifende Selbstsicherheit hin?
Frau Grimnitz hält den Blick gesenkt, als sie an mir vorbeihuscht und wortlos auf einem der beiden Patientenstühle Platz nimmt.
Als ich sie frage, was ich für sie tun kann merke ich, wie mein Puls steigt.
Frau Grimnitz beißt sich auf die Unterlippe.
Sie wisse nicht, was mit ihr los sei, beginnt sie zu erzählen. In der letzten Woche war sie drei Mal in der Notaufnahme und jedes Mal sei ihr gesagt worden, es handle sich nicht um einen Herzinfarkt. Aber sie habe doch die Symptome! Sie verstehe das alles nicht. Werde sie verrückt? Ihr Mann habe ihr sogar schon vorgeschlagen, sie solle sich in die Psychiatrie einweisen lassen.
Die Sorge ihres Mannes kann ich nachvollziehen, denn genau das frage ich mich auch. Ist sie in einer Klinik vielleicht besser aufgehoben?
„Wie geht es Ihnen mit der Idee, in eine Klinik zu gehen?“, erkundige ich mich.
„Natürlich nicht gut!“, keift sie kurz und holt mich aus meinen Gedanken. Dann schiebt sie hinterher: „Aber vermutlich hatten Sie Recht.“
„Womit hatte ich Recht?“
„Damit, dass ich mir alles zu Herzen nehme, aber es gar nicht merke.“
Es ist ein erstaunliches Phänomen [1], dass Patienten die Gespräche meist ganz anders in Erinnerung behalten, als man selbst. Oft ist gar nicht das, was gesagt wurde, sondern das wie. Fühlte sich der Patient oder die Patientin angenommen und verstanden oder abgelehnt, vielleicht sogar provoziert?
Manchmal bleibt auch nur der Subtext hängen, das, was zwischen den Zeilen stand – so wie in diesem Fall. In der Retrospektive muss ich zugeben, dass sie meine Fragen letzte Woche inhaltlich richtig verstanden hat. Dennoch: Kopfwäsche…?
„Was genau löst das in Ihnen aus, dass Sie sich etwas zu Herzen nehmen, ohne es zu merken?“, greife ich ihren verbalen Spielball auf.
„Ich weiß es nicht.“, gibt Frau Grimnitz zu. „Aber ich weiß, dass es so nicht weitergehen kann. Sonst werde ich wirklich noch verrückt.“
Das Unwissen darüber, was mit ihr passiert und die Art, wie Frau Grimnitz darauf reagiert, ist als Alexithymie [2] [3] bekannt. Wortgetreu als „Gefühlsblindheit“ übersetzt, beschreibt es die Unfähigkeit, die eigenen Gefühle zu erkennen oder/und auszudrücken. Damit gehört die Alexithymie zu den Affektregulationsstörungen und zum psychosomatischen Formenkreis. Starke Gefühle äußern sich in körperlichen Beschwerden – dem einzigen Weg, in irgendeiner Form Ausdruck zu erhalten.
Bei einer bisher körperlich gesunden Frau liegt die Vermutung nahe, dass es sich um eine sekundäre Alexithymie [4] handelt, also um eine erlernte emotionale Regulationsstörung. Hinter der Gefühlsleere steht die Frage nach dem Warum?
Warum fällt es Frau Grimnitz so schwer, Zugang zu ihren Gefühlen zu bekommen?
Was genau war der Auslöser dafür, dass Frau Grimnitz ihre Gefühle in sich vergräbt, statt sie zu erkennen und zu benennen?
Und welche Gründe liegen dafür vor, dass der Erhalt dieser Abwehrmechanismen sich für sie lohnt?
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr offene Fragen habe ich. Je mehr offene Fragen sich auftun, desto neugieriger werde ich auf die Annabelle Grimnitz hinter den hohen eisigen Mauern. Wer ist der Mensch dahinter? Was genau verbirgt sie vor sich selbst (und vor mir?).
Zu der Freude, das Gespräch nicht vollkommen in den Sand gesetzt zu haben, mischt sich ein schaler Beigeschmack: Irgendwie gewinne ich den Eindruck, dass ich zwar etwas angestoßen habe, aber mir nun die Zügel fehlen, um die Situation konstruktiv zu lenken.
Plötzlich geht mir ein Satz durch den Kopf, den ich irgendwo gelesen habe:
Nimm nichts weg, wenn du nichts Besseres anzubieten hast.
Will heißen: Baue keine Abwehr bewusst ab, wenn du nicht sicher sein kannst, mit dem „dahinter“ umgehen zu können.
Kann ich das?
Kann sie das?
Sind wir beide bereit, hinter die Mauern zu schauen..? (Sowohl ihre Mauern als auch meine eignen.)
Was mache ich jetzt?, frage ich mich.
Ich entschließe mich dazu, nur so weit zu gehen, wie meine Patientin es zulässt – kein Drängen, kein Fordern. Nur Anteilnahme und Mitgefühl, voller Respekt für ihre Grenzen. Meine Anspannung wächst. Wie weit wird sie mich mitnehmen? Wie viel wird sie mit mir teilen?
Vorsichtig lenke ich das Gespräch auf ihre Vergangenheit: Ob sie früher anders mit Emotionen umgegangen sei?
Zu Beginn blockt sie noch größtenteils ab, meint, sich an kaum etwas aus dieser Zeit erinnern zu können.
Ich bleibe dran. Was ist ihre erste Erinnerung? Wo ist sie aufgewachsen und mit wem? Hat sie Geschwister? Und so tragen wir Schicht um Schicht ab, um zum Kern vorzudringen. Langsam lichtet sich der Nebel…
Früher habe sie Gedichte geschrieben und sich mit ihrer Zwillingsschwester Geschichten ausgedacht. Damals fiel es ihr leichter, mit den Worten umzugehen, die ihr jetzt fehlen würden. Die Worte seien einfach weg…
Was heißt das, damals?, will ich von ihr wissen.
Nervös knibbelt sie an ihren Fingernägeln und ich klebe förmlich an ihren Lippen, auch wenn ich ihr alles durch Nachfragen aus der Nase ziehen muss. Während Frau Grimnitz von ihrer Zwillingsschwester erzählt, bricht ihr die Stimme weg.
Stück für Stück formt sich ein unscharfes Bild: Mit 19 Jahren sei ihre Schwester bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Sie sei auf dem Weg zu ihrem Verlobten gewesen, als ein Autofahrer sie beim Abbiegen übersah. Ihre Schwester sei auf der Stelle tot gewesen, meinte die Polizei.
„Das ist sicher schrecklich für Sie gewesen“, sage ich, um die Stille zu durchbrechen, die wie ein Schwert über uns hängt. Bereit uns zu erschlagen.
Frau Grimnitz nickt und schaut auf ihre Finger. Ihre Haare fallen ihr in dicken Strähnen vor das Gesicht und verhüllen sie.
Wir sitzen eine Weile schweigend da, beide in unsere Gedanken versunken. Atmen fällt schwer.
Im Hinblick auf die Zeit, die vergeht – und das volle Sprechzimmer -, muss ich das Gespräch an dieser Stelle beenden.
Ich möchte Frau Grimnitz nicht ohne weiteren Plan aus der Sprechstunde entlassen, daher frage ich sie zum Abschluss, wie ich ihr am besten helfen könnte. Was wünscht sie sich von mir?
Diese offene Frage ermöglicht, dass sie ihre Bedürfnisse eigenständig formuliert und ich dadurch erfahre, wie ich diesen Bedürfnissen am besten gerecht werden kann.
Doch wie erwartet bekomme ich als Antwort nur ein gequältes: „Ich weiß es nicht“.
Die Frage war vielleicht zu offen, vermute ich, und biete ihr zwei Wege an: Entweder sehen wir und in zwei Tagen erneut (dann plane ich mehr Zeit ein), oder ich kümmere mich um eine stationäre Aufnahme in einer Akutklinik für Psychosomatik.
Zum ersten Mal schaut sie erleichtert auf und wählt, ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken, Variante eins.
Bevor sie mein Sprechzimmer verlässt, bedanke ich mich bei ihr.
Sie hat mich ein Stück hinter die Mauern schauen lassen, sich für mich etwas geöffnet. Diese Offenheit ist wichtig für den Entwicklungs- und Heilungsprozess. Ohne Offenheit und Ehrlichkeit ist eine gute (Zusammen-)Arbeit selten möglich.
Sich emotional zu öffnen, wird oft als beschämende und beängstigende Nacktheit empfunden. Sobald die Hüllen der Abwehr fallen, werden wir unserer eigenen Verletzlichkeit gewahr. Im Kern sind wir schutzlos und angreifbar – hier ruhen unsere größten Ängste: Die Angst vor Ablehnung, vor der eigenen Vergänglichkeit, vor Nähe, vor Schmerz. Wir wollen die Ängste und den Schmerz in uns nicht erkennen, sondern vielmehr davonlaufen, uns verstecken. Deshalb ist es essenziell, dass diese „Nacktheit“ ihren sicheren Raum erhält. Einen Raum, der Schutz und Anteilnahme bietet, der Sicherheit vermittelt und Ängste abbaut. Die heilsame Verbindung zwischen dem Halt-gebenden und dem Halt-suchenden [5] kann nur in einer wertschätzenden, offenen und authentischen Umgebung Wurzeln schlagen.
Als Ärztin bin ich dafür zuständig, diesen sicheren Raum zu gewährleisten, ihn nach den Bedürfnissen des Gegenübers zu formen und ihn zu jeder Zeit aufrecht zu halten. Innerhalb dieses Raums, der auch in der Kommunikation und der emotionalen Verbindung stattfindet, kann Fürsorge und Heilung praktiziert werden.
Für mich ist es nicht selbstverständlich, dass jemand den Mut aufbringt, sich mir gegenüber seelisch „auszuziehen“ und mich in diese intimen Bereiche sehen zu lassen – es ist ein Privileg, eine Ehre und eine große Verantwortung. Manchmal fühle ich mich im therapeutischen Gespräch wie eine Voyeurin, die aus der Entfernung mit gewissem Nervenkitzel anderen dabei zusieht, wie sie sich in ihrer eigenen Nacktheit selbst erfahren und Neugierde dabei entwickeln, sich selbst kennen zu lernen.
Als Frau Grimnitz geht, beginnt erneut mein Gedankenkarussell. Ich frage mich, wie sowohl die Patientin als auch die Familie mit dem Verlust der Tochter/Zwillingsschwester umging. Mein Instinkt sagt mir, dass hier der Grundstein für das aktuelle Problem liegt.
Doch welche Ausmaße die Vorgeschichte annehmen würde, welche Tiefe ihr Leid und ihr Unglück hatten, war mir zu dem Zeitpunkt nicht bewusst. Und so erwischte es mich vollkommen kalt.
[1] Auch Rashomon-Effekt genannt.
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Gef%C3%BChlsblindheit (abgerufen am 11.2.22 um 16:42 Uhr)
[3] https://www.fu-berlin.de/presse/publikationen/fundiert/archiv/2008_01/08_01_lebort/index.html (abgerufen am 11.2.22 um 15:12 Uhr)
[4] Im Vergleich dazu tritt die primäre Alexithymie im Rahmen von Grunderkrankungen auf, wie beispielsweise der rheumatoiden Arthritis, chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, Schilddrüsenerkrankungen oder ähnlichen chronischen Erkrankungen. Letzten Endes zeigt sich aber auch hier die Wechselwirkung zwischen Körper, Seele und Geist: Die Seele sendet Signale, der Körper reagiert und der Geist hat Schwierigkeiten zu „erkennen, was los ist“. Die Unterscheidung von primär und sekundär ist meiner Meinung nach rein akademisch.
[5] Meist als Kombination Arzt-Patient oder Therapeut-Klient – allerdings wird diese Beschreibung der Realität selten gerecht. Wir sind alle Menschen und alle, jeder in seinem eigenen Maße, Suchende. Ab und an brauchen wir einander, damit wir unsere eigenen blinden Flecke erkennen und daran reifen können.